Wedeler AWO-Kitas: Erzieherinnen in Not
Landesverband der Arbeiterwohlfahrt tritt Darstellungen über Druck, neue Arbeitsverträge zu unterschreiben, "ausdrücklich entgegen"
16. Juli 2026
Michael Rahn

kasman-child-1522870_1920(1)
Kinder zu betreuen und erst recht zu erziehen, ist keine leichte Aufgabe. Wurde in Wedels AWO-Kitas dafür zu hoch bezahlt? Foto: pixabay
Die 104 Mitarbeiter der Kindertagesstätten der Arbeiterwohlfahrt in Wedel müssen seit einem Jahr viel aushalten. Damals drohte die Zahlungsunfähigkeit ihres Arbeitgebers. Im Dezember 2025 waren dann die meisten glücklich, dass der Landesverband der Arbeiterwohlfahrt den Zuschlag bekommen hatte, die Einrichtungen weiterzuführen. Denn der Ortsverein hatte im Oktober tatsächlich Insolvenz angemeldet. Doch jetzt fürchten viele Erzieherinnen, sozialpädagogische Assistentinnen und andere Mitarbeiter erneut um ihr Einkommen.
Was bislang bekannt ist: Fakt ist, dass die Stadt Wedel im vorigen Jahr die Zuschüsse an den damaligen Träger, den AWO-Ortsverein, drastisch gekürzt hatte. Nach Ansicht der Verwaltung seien die Berechnungen falsch gewesen. Unter anderem habe der Ortsverein zu hohe Personalkosten abgerechnet. Der AWO-Ortsverein hat da eine andere Auffassung. Die Stadt fordert Gelder zurück.
Mit dieser Rückzahlung hat der Landesverband nichts zu tun. Trotzdem muss der neue Träger versuchen, die Ausgaben so zu senken, dass die Zuschüsse, die über die Stadtkasse fließen, ausreichen. Doch der größte Kostenblock bleibt auch nach der Übernahme das Personal. Nach Informationen von Wedel-Klartext werden die Mitarbeiter jetzt bedrängt, neue Verträge zu unterschreiben – mit deutlich geringeren Bezügen. Das bestätigten mehrere Betroffene der Redaktion. Offen reden will und darf niemand. Denn alle haben Angst, dass sie daraufhin sofort ihre Kündigungen erhalten.

Ein Bild aus glücklichen Tagen: Unter der Regie und mit Unterstützung des Ortsvereins der Arbeiterwohlfahrt kam die AWO-Kita „Hanna Lucas“ beim Wettbewerb der besten Kita Deutschlands im Jahr 2018 auf den zweiten Platz. Hier die Preisverleihung mit Bundespräsidenten-Gattin Elke Büdenbender (von links) der damaligen Kita-Leiterin Andrea Rump, der AWO-Vorsitzenden Renate Palm und der damaligen Bundesfamilienministerin Franziska Giffey. Foto: Frenzel
Landes-AWO: „Kein Druck, nur Informationsgespräche“
Wird Druck auf die Mitarbeiter ausgeübt? Kristina Steigüber, Referentin für Presse- und Medienarbeit, tritt diesen Darstellungen „ausdrücklich entgegen“. Sie schreibt auf Anfrage: „Derzeit finden ausschließlich Informationsgespräche mit den betroffenen Mitarbeitenden statt. Inhalt dieser Gespräche ist die Darstellung der tariflichen Strukturen des Haustarifvertrags des AWO Landesverbandes sowie die Erläuterung der Unterschiede zwischen diesem Tarifwerk und den derzeit bestehenden Arbeitsverträgen. Diese Gespräche dienen ausschließlich der Information.“
„Ja, diese sogenannten Informationsgespräche gibt es“, sagt eine betroffene Mitarbeiter. Ihr und den anderen seien Schreiben vorgelegt worden, in denen sie zustimmen sollen, dass sie in der Kita bleiben und neue Verträge für sie vorbereitet werden. „Damit würde ich etwa 300 Euro pro Monat weniger verdienen“, schildert eine Betroffene. Bei einer Kollegin käme sogar die doppelte Summe heraus. „Dabei geht es nicht nur um das aktuelle Gehalt. Das wirkt sich am Ende auch auf die Rente erheblich aus“, mahnt ein AWO-Insider.
Warum haben die Beschäftigten denn bislang mehr verdient? „Das liegt an unserem Betreuungssystem“, erläutert ein Erzieher. Aufgrund der offenen Gruppen, müsse sich jeder auch um die Kinder mit einem deutlich höheren Betreuungsaufwand kümmern. Aufgrund dieses höherwertigen Bedarfs habe der alte Arbeitgeber die Mitarbeiter im Tarif höher eingestuft und damit besser bezahlt, auch die sozialpädagogischen Assistenten. Das soll nun zurückgedreht werden.
Kita-Mitarbeiter lassen „Infoschreiben“ vom Anwalt prüfen
Sind dafür Änderungskündigungen geplant, wollte die Redaktion von wedel-klartext von der Landes-Arbeiterwohlfahrt wissen. „Änderungskündigungen wurden zu keinem Zeitpunkt ausgesprochen. Ebenso fanden keine Gespräche mit Mitarbeitenden statt, die auf den Abschluss von Änderungskündigungen abzielten“, betont die Pressesprecherin des Verbands.
Ob es denn schon arbeitsgerichtliche Verfahren gibt, wollte Wedel-Klartext wissen? „Arbeitsgerichtliche Verfahren im Zusammenhang mit den geschilderten Sachverhalten sind derzeit nicht anhängig“, verweist die Pressesprecherin ebenfalls auf den Zusammenhang mit Änderungskündigungen. Allerdings lassen mehrere Mitarbeiter die vorgelegten „Informationsschreiben“ und „Absichtserklärungen“ von ihren Anwälten überprüfen. Andere haben schon unterschrieben aus Sorge um den Arbeitsplatz. Wieder andere sind von sich aus gegangen. Eine Erzieherin klagt: „Die Stellen werden nicht wiederbesetzt, und wir müssen die Mehrarbeit mit weniger Kollegen schultern, am besten ohne Überstunden zu machen.“

Empfang im Ratssaal: Die Stadtverwaltung unter Leitung des damaligen Bürgermeisters Niels Schmidt (hintere Reihe, Fünfter von rechts) und Kommunalpolitik gingen nach der Auszeichnung der AWO-Kita „Hanna Lucas“ respektvoll und anerkennend mit dem Wohlfahrtsverband und den Erzieherinnen um, die für die Wedeler Kita den Preis in Berlin geholt hatten.







