Söhne geben Bundesverdienstkreuz zurück

Warum Jens und Dirk Wilke ihre Mutter Marianne damals überzeugen mussten und jetzt fassungslos sind

Published1. Juni 2026

AuthorMichael Rahn

Ein Mann mit Brille liest aus einer Urkunde. Ein kleine Frau lauscht. An der Wand zwischen beiden ist zu lesen: Engagement braucht Anerkennung.

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2015 überreichte der damalige Ministerpräsident Schleswig-Holsteins der Wedeler Antifaschistin Marianne Wilke das Bundesverdienstkreuz für ihren unermüdlichen Einsatz gegen Krieg und Rassismus. Foto: privat

Ein ehemaliger schleswig-holsteinischer Ministerpräsident hat mit seiner Äußerung zur AfD für viel Gegenwind gesorgt. Besonders krass fällt eine Reaktion aus Wedel auf. Die Söhne der Bundesverdienstkreuz-Trägerin und überzeugten Antifaschistin Marianne Wilke (1929-2023) kündigten an, die von Torsten Albig (SPD) im Jahr 2015 überreichte Auszeichnung zurückzugeben.

„Ich habe damals bei der Ehrung mitgehört, als Herr Albig meiner Mutter Hochachtung für ihren Einsatz gegen Krieg, Rassismus und Faschismus ausgesprochen hat“, erzählt Jens Wilke. Jetzt werbe der gleiche Politiker dafür, dass sich seine Partei auch von der in Teilen als rechtsextremistisch eingestuften Partei AfD in einer Minderheitsregierung unterstützen lassen solle. Das hätte weder die Mutter noch jemand anders aus der Familie unwidersprochen stehenlassen.

Familie musste Marianne Wilke überzeugen, die Ehrung anzunehmen

„Meine Mutter tat sich sehr schwer diese Auszeichnung anzunehmen, da in den letzten Jahrzehnten schon viele ehemalige Nazis und Kriegsverbrecher ebenfalls diese Auszeichnung bereits erhalten hatten“, schreiben die Geschwister Jens und Dirk Wilke in einem offenen Brief an Torsten Albig. DerVater sowie die beiden Söhne hätten sie damals überzeugt, das Verdienstkreuz stellvertretend für alle Aktiven in der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschisten (VVN-BdA) entgegenzunehmen.

„Lieber Herr Albig, Sie sollten sich schämen“, heißt es in der Reaktion der Brüder. „Ihr scheinbarer Pragmatismus, zur Kooperation mit der AfD, wäre ein Brandbeschleuniger. Vielmehr wäre eine Forderung nach einem Verbot der AfD die richtige Reaktion.“

Torsten Albig: „Ich habe das Verdienstkreuz nur überreicht“

Der so heftig Gescholtene reagierte prompt auf die Anklage aus Wedel. „Lieber Herr Wilke, da Ihrer lieben Mutter das Bundesverdienstkreuz ja nicht von mir, sondern vom Herrn Bundespräsidenten verliehen wurde (ich habe es nur überreicht), sollten Sie nicht so reagieren, wenn Sie sich über mich ärgern.“ Er forderte die Söhne auf, alles zu lesen, was er gesagt habe. Sein Ziel sei es, Wähler zur SPD zurückzuholen.

Doch auch innerhalb seiner SPD prallt der Vorstoß des früheren Kieler Oberbürgermeisters (2009-2012) und Ministerpräsidenten in Kiel (2012-2017) auf teils heftigen Widerspruch. In Mecklenburg-Vorpommern, wo die von Manuela Schwesig (SPD) geführte Regierung um Stimmen zur Landtagswahl am 20. September kämpft, kommentiert der SPD-Fraktionschef in Mecklenburg-Vorpommern, Julian Barlen, im Gespräch mit dem Wochenmagazin „Die Zeit“: „Wer Lobbyist für Tabakkonzerne ist, hat offenbar kein Problem damit, für giftige Ideen zu werben.“

Jens Wilke: Anfangs Zweifel ob der eigenen Courage

Zurück nach Wedel: Ob das Bundesverdienstkreuz tatsächlich zurückgegeben werden kann, ist fraglich. Denn die Auszeichnung ist nicht vererbbar. Trotzdem fühlen sich die Söhne mit ihrer öffentlichen Attacke auf dem richtigen Weg. „Ich habe viele positive Reaktionen erhalten“, berichtet Jens Wilke. Anfangs habe er noch ein wenig ob der eigenen Courage gezweifelt. Mittlerweile fühle er sich in seinem Handeln bestärkt.

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