Retter unter Vollast – immer häufiger müssen Hamburger in Wedel ran
Einsatzzahlen steigen immens - Rettungsdienstkooperation Schleswig-Holstein oft überlastet - Leitstelle nimmt Amtshilfe in Anspruch - Patienten drohen längere Wartezeiten
5. September 2026
Jörg Frenzel

RTW Feuerwehr Hamburg(1)
Wenn es einen medizinischen Notfall gibt, ist es egal, woher die Hilfe kommt – Hauptsache schnell und kompetent. Im Regelfall erledigt das in Wedel die Rettungsdienstkooperation in Schleswig-Holstein (RKiSH) vorzüglich. Aber die Einsatzzahlen wachsen derart immens, dass die Einsatzleitstelle Elmshorn immer häufiger in Hamburg um (Amts-) Hilfe bitten muss. Im vorigen Jahr mussten die Hamburger im Schnitt 2,4 mal täglich zu Patienten über die Landesgrenze nach Wedel ausrücken, um hier Patienten aufzunehmen. Im Klartext: Die RKiSH-Kapazitäten reichen immer weniger aus, um Wedel komplett abzudecken. Und: Es kann länger dauern, bis Hilfe eintrifft.
Ein Wedel-Klartext-Leser, dessen Name ungenannt bleiben soll, berichtete über bange Minuten. „Mein Vater hatte schwerste Atemprobleme. Ein Rettungswagen mit Sonderrechten war dringend erforderlich – wir haben mehr als eine halbe Stunde warten müssen“, sagte er. Konsequenz: 30 Minuten in Todesangst, bis ein RTW kam – aus Elmshorn.
Steigende Einsatzzahlen
Nach Angaben von Lucas Fuchs, Pressesprecher der Hamburger Feuerwehr, ist seit Jahren ein Aufwärtstrend für Rettungseinsätze in Wedel zu verzeichnen. Gab es im Jahr 2023 noch 481 Anfragen , wuchs im Jahr 2024 die Zahl schon auf 781 und im vorigen Jahr auf 876. Und in diesem Jahr hält der Aufwärtstrend an.
Dass immer öfter Rettungswagen und Notärzte in Wedel benötigt werden, trifft die RKiSH als originär zuständigen Dienst noch härter. Christian Mandel, Pressesprecher der RKiSH nannte ihre Einsatzzahlen in Wedel. Sie stiegen von 8493 in 2023 über 9194 in 2023 auf 10.252 im vorigen Jahr – ein Plus von mehr als 1000 Einsätzen innerhalb von nur zwölf Monaten!
Das Einsatzvolumen der Fahrzeuge allein mit Rettungssanitätern korreliert mit der Anzahl der Fälle, in denen auch ein Notarzt angefordert wurde. Auch hier wurde von der Feuerwehr Hamburg ein Wachstum testiert, beginnend mit 1277 Ereignissen in 2023 über 1384 in 2024 bis 1592 in 2025.
Im Gegenzug hat die Feuerwehr Hamburg in 2025 nur 25 RTW- und 239 Notarztanforderungen aus gesamt Schleswig-Holstein in ihrer Statistik. Die RKiSH nannte für ihren Bereich die Zahlen. Sie half in 2025 in Hamburg 19 mal mit RTW bei Notfalleinsätzen und 55 mal bei Notarztalarmierungen in Hamburg aus.
Im gesamten Kreis übrigens betrug die Anzahl der RKiSH-Rettungsfahrten im vorigen Jahr 79.103 plus 11.097 Notarzt-Alarme. Die Tendenz steigt auch hier. Christian Mandel: „Treiber dieser Entwicklungen sind zum einen der demografische Wandel, die Menschen werden älter und kränker. Und zum anderen ist es die Struktur mit dem Klinik- und Arztsystem – und den Erwartungen der Patienten.“ Linderung bringen soll da das neue Rettungsdienstgesetz des Landes, das noch in diesem Jahr verabschiedet werden soll. Das „Ärzteblatt“ informiert dazu in einem Bericht
Problem: Längere Anfahrtzeiten
Nur zwölf Minuten soll im Idealfall ein Rettungswagen von seinem Stützpunkt aus zum Einsatzort benötigen – aufgrund des Verkehrsaufkommens und Hindernisse wie Verkehrsberuhigungs-Schwellen in den Fahrbahnen ist das ohnehin eine Herausforderung. „Wedel wird hauptsächlich von den RKiSH-Rettungswachen Wedel, Pinneberg-West, Pinneberg und Uetersen angefahren“, erklärte Christian Mandel und: „Weitere Unterstützung kommt im Bedarfsfall aus Hamburg.“
Das kann die Wartezeiten noch einmal verlängern. Zwar gibt eine auch von der Feuerwehr Hamburg „gemanagte“ ASB-Rettungswache „gleich nebenan“ in Rissen – aber deren Team hat zunächst einmal Rissen zu versorgen. So muss oft die Hamburger Berufsfeuerwehr um Hilfe gerufen werden. Deren nächste Wache ist in Hamburg-Osdorf – 25 Fahrminuten entfernt, die Wache in Stellingen 28 Minuten und die in Othmarschen sogar 37 Fahrminuten.
So funktioniert die Amtshilfe
Die rechtliche Grundlage der Amtshilfe wird in erster Linie durch Artikel 35 des Grundgesetzes gebildet und ergänzt durch das Verwaltungsverfahrensgesetz sowie die jeweiligen Landesgesetze. Für die Luftrettung besteht seit Dezember 2024 allerdings ein Staatsvertrag zwischen dem Land Schleswig-Holstein und der Freien und Hansestadt Hamburg, der die Zusammenarbeit und die Durchführung von Einsätzen in diesem Bereich regelt, wie die Hamburger Feuerwehr mitteilte.

Im Frühjahr kam es am Galgenberg zu gleich drei Einsätzen auf einer Strecke von 100 Metern gleichzeitig – Höchstanforderungen an die Rettungsdienste. Foto: Frenzel
Das Kieler Gesundheitsministerium führt die Fachaufsicht über die Rettungsdienstkooperation, die von den fünf Kreisen Dithmarschen, Pinneberg, Rendsburg-Eckernförde, Segeberg und Steinburg getragen wird. Von Wedel-Klartext mit den gestiegenen Einsatzzahlen konfrontiert, teilte ein Ministeriumssprecher mit: „Die RKiSH wird ihre entsprechende bedarfsgerechte Vorhaltung an Rettungsmitteln auch an die Veränderungen in den Einsatzzahlen anpassen. Dafür sind auch Gespräche mit den Krankenkassen als Kostenträgern des Rettungsdienstes notwendig.“
Herausforderung: fehlende Interoperabilität
Trotz des Konzepts der „Metropolregion“ spielen beim Rettungsdienst immer noch die föderalen Grenzen eine Rolle. Deshalb stellte Wedel-Klartext dem Ministerium die Frage, inwieweit es vor dem Hintergrund eventueller Optimierungsmöglichkeiten und Synergien Überlegungen zu stärkerer Zusammenarbeit beziehungsweise Zusammenlegung über Ländergrenzen hinweg gibt. Der Pressesprecher benannte Problematiken: „Als Herausforderung wird bei Kooperationen oft die fehlende Interoperabilität von unterschiedlichen Systemen identifiziert. Dies betrifft sowohl technische als auch organisatorische Aspekte, wie welches System genutzt wird. Notwendige Absprachen und Anpassungen bedingen oft längerfristige Abstimmungsprozesse.“
Leitstellen werden modernisiert
Aber Kiel ist an dem Thema dran. Das Ministerium: „In beiden Ländern werden derzeit die Leitstellensysteme modernisiert und im Falle Schleswig-Holsteins zudem landeseinheitlich gestaltet. Im Rahmen der Notfallrettung werden Patientinnen und Patienten in den Grenzregionen des Landes Schleswig-Holstein und der Freien und Hansestadt Hamburg regelmäßig auch in ein Krankenhaus des Nachbarlandes zugewiesen. Dies ist nicht nur Ausdruck der engen Kooperation zwischen den Ländern, sondern zur Sicherstellung der unverzüglichen notfallmedizinischen Versorgung von Patientinnen und Patienten in den Grenzregionen unabdingbar. Ein gemeinsamer Behandlungskapazitätennachweis beziehungsweise die Vernetzung der bestehenden Systeme zu einem Nord-BKN wäre strategisch sinnvoll und würde die rettungsdienstliche Lebenswirklichkeit in der Metropolregion widerspiegeln. Die Vernetzung ist sachlich geboten, die technische Umsetzung einer ganzheitlichen Vernetzung muss im Detail noch ausgearbeitet werden.“
Enge Verzahnung sinnvoll
Die RKiSH ist da aufgeschlossen. Pressesprecher Mandel: „Eine enge Verzahnung des Rettungsdienstes in der Metropolregion ist aus Sicht der RKiSH insbesondere bei grenzüberschreitenden Einsätzen und Transporten grundsätzlich sinnvoll und besteht bereits seit geraumer Zeit. Wir pflegen ein sehr kollegiales Verhältnis zu den Einsatzkräften aus Hamburg. Ziel muss immer sein, die medizinisch und zeitlich bestmögliche Versorgung sicherzustellen – unabhängig von Landesgrenzen.“
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