Notgeld für Wedel? Da war doch mal was…
Davon kann man im von Schulden geplagten Rathaus heute nur träumen: Vor mehr als 100 Jahren warf Hugo Möller die Gelddruckmaschine an. Ein augenzwinkernder Blick in die Geschichte.
24. Februar 2026
Uwe Heitmann
Notgeld Technicon de Wall (1)(1)
Rudolf de Wall mit ein paar Scheinen Notgeld, das der Industrielle Hugo Möller in schlechter Zeit einst ausgegeben hatte,
Wenn Wedels Ratspolitiker am Donnerstag zur Erörterung des Haushalts zusammenkommen, dann wird sich vor ihnen wieder das ganze pekuniäre Elend der Stadt ausbreiten. Der Schuldenberg wächst weiter in Richtung 150 Millionen Euro, und trotz einiger Spar-Bemühungen ist finanziell kein Land in Sicht. Ach käme uns doch ein Dagobert Duck zur Hilfe, mag sich da im Rathaus mancher denken. Oder ein Dukatenesel – oder … eine Gelddruckmaschine! Geht nicht? Ging aber schon mal: Vor mehr als 100 Jahren rettete selbst gemachtes Notgeld der legendären Firma J.D. Möller viele Menschen in Wedel vor dem Ruin.
- Mit seiner Unterschrift garantierte Hugo Möller den Wert.
- Eine Ansicht der Stadt mit den Möller-Werken zierte die Rückseite.
Einer, der diese Geschichte wunderbar erzählen kann, ist Rudolf de Wall. Seit vielen Jahren schon bringt der Diplom-Ingenieur und Physiker vor allem Kindern und Jugendlichen die große Wedeler Industriegeschichte näher. Er zählt zum ehrenamtlichen Team des Möller Technicons. Das Mitmach-Museum (Rosengarten 10), in dem historische optische, medizintechnische und elektronische Geräte ausgestellt und vorgeführt werden, feiert in diesem Jahr sein 20-jähriges Bestehen. Und ein wesentlicher Bestandteil ist dabei natürlich die Geschichte der Firma, die Wedel wie keine zweite geprägt hat: die 1864 vom damals 20-jährigen Johann Dietrich Möller gegründeten optischen Werke.
Möller-Produkte fanden auf der ganzen Welt Absatz
Rudolf de Wall hat mehrere Bücher zur Firmengeschichte verfasst. Darin werden nicht nur die goldenen Epochen gewürdigt, sondern auch die Zeiten von Krisen und (Fast-) Katastrophen. So hatte Hugo Möller, einer der Söhne des Firmengründers, das Unternehmen von 1907 an zu einem florierenden Industriebetrieb gemacht. „Die Geräte und Produkte der Firma Möller fanden auf der ganzen Welt Absatz – vor allem in England und Amerika“, betont der heute 80-jährige Chronist. Doch auch der globale Optik-Gigant von der Elbe blieb nicht von der 1920 immer stärker werdenden Inflation verschont, die 1923 ihren Höhepunkt erreichte. Und da kommt die Gelddruckmaschine ins Spiel…
„Die Inflation war so hoch, dass der Wertverlust des Geldes praktisch von einem Tag auf den nächsten fast 95 Prozent betrug“, sagt de Wall. Die Reichsbank sei mit dem Drucken des Papiergeldes nicht mehr nachgekommen. Kaum hergestellt, waren die Scheine praktisch nichts mehr wert. Das galt natürlich auch für Löhne und Gehälter. Und so entschloss sich Hugo Möller, – wie einige andere Firmenchefs im Deutschen Reich – ein eigenes, wertbeständiges Zahlungsmittel für seine Mitarbeiter einzuführen.
Jeder Notgeldschein war eigenhändig unterschrieben
Am 9. November 1923 war es so weit. Möller ließ in der hauseigenen Druckerei insgesamt 4345 Notgeldscheine herstellen. Sie hatten einen Nennwert von 10, 20 und 50 Pfennig Gold. Alle waren durchnummeriert und vom Prokuristen Carl Mohr und der Kontoristin Margarete Stuhr eigenhändig unterschrieben. Ihre Wertbeständigkeit erlangten sie, weil Hugo Möller durch erfolgreiche internationale Geschäfte über Deviseneinnahmen in Dollar verfügte, die das hauseigene Zahlungsmittel absicherten. Mit den Möller-Schecks wurden die rund 180 Mitarbeiter der Firma bezahlt, aber nach de Walls Recherchen eine Zeitlang auch die Angestellten der Stadt Wedel. „Durch dieses Notgeld, das überall in der näheren Umgebung als Zahlungsmittel angenommen wurde, konnte die Not damals erheblich gelindert werden“, erklärt Rudolf de Wall.
- 50 Pfennig in Gold – das reichte damals dicke, um Brot zu kaufen.
- Der stolze Roland und das Logo des Unternehmens JDM
Als nach ein paar Monaten die Hyperinflation endete, verloren schließlich auch die Möller-Goldpfennige allmählich ihre Bedeutung. Ihre Einführung aber war für Chronist de Wall ein weiterer Beleg für die große soziale Ader des Firmenchefs Hugo Möller, der aus seiner Sicht häufig zu Unrecht als purer Geschäftemacher angefeindet wurde. „Solche Persönlichkeiten fehlen heute – auch in Wedel“, findet de Wall, der wie viele andere mit Sorge auf die städtischen Finanzen blickt. Er selbst verfügt übrigens noch über einige Möller-Scheine im Original – und auch im Internet könne man gelegentlich noch Notgeld-Drucke aus Wedel kaufen. Der 80-Jährige augenzwinkernd: „Den Haushalt rettet man damit aber leider nicht.“











