Mehr Geschichten aus der Kultkneipe „Gröner Born“
Leser schicken Details zur ehemaligen Gaststätte, die jetzt in ein Wohnhaus umgewandelt wird.
10. September 2026
Jörg Frenzel

Gröner Born Shorty Borchardt
Seltenes Polaroid-Zeitdokument: Besitzer Conny Borchardt in den 80er-Jahren mit Gitarre hinterm Tresen. Foto: Dirk Jenßen
Selten ist ein Bericht auf so viel Resonanz von Leserinnen und Lesern gestoßen, wie der Artikel über die Umwandlung der ehemaligen Kult-Gaststätte „Gröner Born“ in ein Wohnhaus. Mehr als 11.000 mal wurde Geschichte auf Facebook aufgerufen und hinterließen reichlich Kommentare. Dabei waren Erinnerungen und auch der eine oder andere Rüffel für Wedel-Klartext. Ein Beispiel: „Wenn man über dieses Haus/Gaststätte berichtet, dann sollte man nicht die langjährigen Eigentümer Fam. Steffen und den langjährigen Wirt Geschke vergessen!“ Selbstverständlich hat sich die Redaktion die Kritik zu Herzen genommen und nach weiteren Geschichten gefragt. Hier sind sie nun.
Hervorragend aufgearbeitet wurde die Historie einst von Redakteurin Sabine Pröhl gemeinsam mit Familie Steffen im Wedel-Schulauer-Tageblatt. Jürgen Steffen schickte den Artikel Wedel-Klartext-Redaktion. Sabine Pröhls Bericht stammt aus der Zeit, als „Gröner Born“ eine Weile „Viva“ hieß“. Sie erzählt von Gastwirt Wilhelm Grabow, der Anfang des vorigen Jahrhunderts 7500 Quadratmeter Land „vor den Toren Wedels“ erwarb, wo damals noch Nadelwälder gestanden hätten. Er baute das Haus mit Schankwirtschaft und benannte sie nach einer Quelle in der Nähe. Längst ist diese Quelle schon unter Asphalt und Häsern verschwunden – aber zumindest den Straßennamen gibt’s ja noch. Die Geschäfte seien damals so gut gelaufen, dass Wilhelm Grabows Bruder Louis, der in die USA ausgewandert war, sogar zurückkehrte, um das Etablissement zu übernehmen.

So fing alles an: Das schmucke Ausflugslokal „Gröner Born“ im Jahr 1904. Foto: Stadtarchiv Wedel/Abelbeck
1928 erwarb der Hufschmiedemeister Hinrich Steffen die Immobilie für 35.000 Goldmark. Es wurde renoviert, eine Veranda um das Haus herumgeführt – und der Gastro-Betrieb konnte weitergehen. Der große Garten hinterm Haus sorgte für Gemüsenachschub für die Küche, der Biergarten war einladend. Doch in der Zeit der wirtschaftlichen Depression kam es zum Niedergang. Das Haus wurde geschlossen.
Im Zweiten Weltkrieg wurde das Gebäude beim großen Bombenangriff auf Wedel getroffen. Trotzdem diente das Haus als Unterkunft für russische Zwangsarbeiterinnen.
Nach dem Krieg kam Willy Geschke
1949 pachtete Gastwirt Willy Geschke die Gaststätte „Gröner Born“, den er später verließ, um mit „Willys Bierstübchen“ ein eigenes Lokal zu eröffnen, das an der Ecke Rissener Straße/Möllers Park angesiedelt war – direkt neben einem Tennisplatz mit nach dem Training durstigen Sportlerinnen und Sportlern.
Familie Steffen verkaufte das Haus 1971. Danach wird’s lückenhaft, und die Reihenfolge der Wirte ist nicht so eindeutig identifizierbar. Nach Rüdiger Kulow ist es klar: „Ihr habt die Zeit von Alexander (Ali) Prooft vergessen. Anfang der 80er. Der hat die coolste Musikkneipe Wedels daraus gemacht. Heiligabend so gegen Mitternacht war die Kneipe so voll, dass Gäste auch vor der Tür gefeiert haben“, schrieb beispielsweise ein Leser.

Gaststätte „Gröner Born“ Ende der 80er-Jahre – schon nicht mehr „grön“ also grün, aber als Kneipe immer noch gut nutzbar. Foto: Dirk Jenßen.
In den 1980ern wurde wohl nach Informationen von Wedel-Klartext bei Ali Proof das Geld knapp – so knapp, dass Darts bei Kerzenschein gespielt werden musste, weil kein Strom mehr floss. Verschärft bergab ging es, als Sönke Gerdsen am Roland die Konkurrenz-Kneipe „BWC“ aufmachte und auch das Personal sich dort wohler fühlte. Es folgte das Aus.
In der Zeit danach muss irgendwann Cornelius Conny Burchardt gekommen sein, ein Idealist mit Gitarre und mit Freundin in Ostfriesland. Das war auch die Episode, als Dirk „Shorty“ Jenßen vor und hinterm Tresen und im Büro und überall sonstwo wuselte, wo Not am Mann war – bis auch Conny Burchardt das Geld ausging und Jenßen lieber das „Downtown“ eröffnete. „Shorty“ hat Wedel-Klartext jetzt nicht nur einige Fotos geschickt, sondern auch eine eindrucksvolle gleichwohl traurige Anekdote: Es gab eine Katze im Haus, die sich intensiv um die vielen Mäuse in der etwas ramponierten Immobilie kümmerte. Über Wochen und Monate war sie nur im Haus unterwegs und auf Jagd gewesen. Die gestaltete sich derart erfolgreich, dass irgendwann keine Mäuse mehr zu finden waren und die Katze ihren ersten Jagd-Ausflug nach draußen machte. Keine 30 Meter entfernt auf der Rissener Straße unter einem Autoreifen war für sie die Jagd. Für immer.

Geschmackvoll beige-braun mit diversen Yucca-Palmen, denn die waren in Kneipen-Ambiente am widerstandsfähigsten und konnten auch mal einen schalen Bierrest ab. Foto: Dirk Jenßen
„Moin, ihr habt die ganze JJ-Zeit nicht erwähnt“, kritisierte ein Leser. Das waren die Jahre nach Dirk Jenßen. Jochen Jansen, ein Fahrlehrer aus Blankenese übernahm die Kneipe, taufte sie „Dschai Dschai“ und wartete auf Gäste. Es lief ein bisschen verhalten an. Aber das Haus erlebte einen weiteren Frühling, weil die Darts-Kneipe „ABC“ zumachte und Darter, Billardspieler und ihr großer Anhang wieder zurückzogen.
Dann hört man noch von einer weiteren Musikkneipe und einer im Micky-Maus-Design, aber das waren immer nur kürzere Episoden. Des temps perdu…







