„Kein Jodeldiplom“, aber einen inneren sozialen Kompass
Mit 80 Jahren steht Ursel Grabbert noch immer mitten im Leben – und mitten im Geschehen einer Grundschule. Was einst als Nebenjob begann, wurde für die Wedelerin zu einer Herzensaufgabe.
3. April 2026
Wolf-Robert Danehl

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Ursel Grabbert kümmert sich liebevoll zweimal in der Woche um Schüler der Grundschule Windmühlenweg am Nachmittag. Hier sind es Erik (v.links) und Eskil Nilsson.. (Fotos: Danehl und Archiv Ursel Grabbert)
80 Jahre – für viele bedeutet das, auf die Unterstützung anderer angewiesen zu sein. Mit Glück meistert man den Alltag noch allein. Doch nur wenige stehen dann noch mitten im Leben – zwischen Kinderlachen, Pausengeschrei und Schulbüchern. Ursel Grabbert tut genau das: Mit 80 Jahren begleitet sie Kinder im Schulalltag, mit einer Energie, die ansteckend ist Wenn die Frau, längst Rentnerin, über ihren selbstgewählten Arbeits-Alltag in der Grundschule Windmühlenweg spricht, blitzen Humor und Wärme gleichermaßen auf.
Zwei Nachmittage pro Woche ist die 80-Jährige im Einsatz, sorgt für Struktur, tröstet, erklärt, hört zu. „Ich will auf Augenhöhe mit den Kindern sein“, sagt sie.

Auf der Batavia hat sie auch Theater gespielt und war in zahlreichen komödiantischen Rollen zu sehen. Hier als Clown Beppo.
Und das gelingt ihr – mit Geduld, Klarheit und Fröhlichkeit. Ihre Mischung aus liebevoller Konsequenz und Humor kommt an. Vielleicht auch, weil in ihr noch immer die Frau Hoppenstedt steckt – jene Loriot-Figur, die sie auf der Theaterbühne der Batavia so gern verkörperte. „Es saugt und bläst der Heinzelmann …“ – wer sie damit einmal erlebt hat, vergisst ihr Augenzwinkern nicht.
Doch bei aller Komik nimmt sie ihre Aufgabe in der Schule ernst. Ursel Grabbert achtet darauf, dass jedes Kind zu Mittag isst, sich draußen austobt, Hausaufgaben macht, malt, zuhört und liest oder an den vielen Kurs-Angeboten, wie zum Beispiel Schach zu spielen, teilnimmt. Und wenn kleine Unfälle passieren, ist sie die erste mit einem Pflaster – oder einer Umarmung.
Vom Pflegeheim ins Klassenzimmer
Ihr Weg hierher war kein geradliniger. 1946 in Kiel geboren, als jüngstes von drei Kindern, fiel sie schon früh durch schulische Brillanz auf – doch das Abitur blieb ihr versagt, wie so mancher Frau zu dieser Zeit. Nach dem Schulabschluss erlernte Sie den Beruf des „Versicherungskaufmanns“ und nachdem Sie ihren Mann kennenlernte, heiratete und zwei Kinder bekam, war sie 15 Jahre zuhause für ihre Kinder da. Sie wollte dann nicht mehr zurück in ihren ersten Beruf, sondern im sozialen Bereich tätig werden und suchte etwas Neues.
„Ich wollte immer mit Menschen arbeiten“, sagt Ursel Grabbert. Sie lernte Altenpflegerin, arbeitete in Hamburgs Pflegeeinrichtungen – zuletzt in leitender Funktion mit über hundert Betten unter ihrer Verantwortung.
25 Jahre in diesem Beruf sowohl in der Pflege als auch in der Verwaltung, im Kundenmanagement und in Gesprächen mit Angehörigen fand sie Erfüllung: Lösungen suchen, Menschen verstehen, Verantwortung tragen. Doch mit dem Wandel im Pflegewesen – Privatisierungen, Personalabbau – verschwanden viele gute Arbeitsbedingungen und Ideale. 2006 ging sie in den Ruhestand, doch Ruhe suchte sie nicht.
Ein zufälliger Neustart
Als sie sich eigentlich nur einen kleinen Bürojob zur Rente wünschte, begegnete sie einer Schulsekretärin – und fand stattdessen ihre zweite Berufung. An der Grundschule Lehmkuhlenweg begann sie in der Nachmittagsbetreuung: Zwanzig Kinder, ein neuer Alltag, eine neue Freude.
Als der Träger wechselte, ging sie weiter – an die Grundschule Windmühlenweg. Dort setzte Sie fort, was sie begonnen hatte. Es ist für Sie eben kein Nebenjob, mehr eine Berufung: Kinder begleiten, erziehen, lachen, Regeln erklären – liebevoll, aber bestimmt. „Ich sage den Kindern zum Beispiel nicht nur, dass sie etwas nicht dürfen“, erklärt sie, „ich erkläre, warum.“ Zum Beispiel, warum akrobatische Übungen auf der Fensterbank im dritten Stock keine gute Idee sind.

Lesen und Hausaufgaben machen, hier mit den beiden Viertklässlern Erik und Eskil Nilsson, gehört auch zur nachmittäglichen Betreuung von Ursel Grabbert.
Lebensschule und Lebensfreude

In den 70er Jahren hat Ursel Grabbert auch aktiv Wahlkampf für die SPD gemacht.
Ursel Grabbert lebt seit 1973 in Wedel, seit Jahrzehnten politisch in der SPD engagiert, saß im Sozialausschuss und hat einige soziale Einrichtungen, wie zum Beispiel „das Mittendrin“ mit ins Leben gerufen. Außerdem organisierte Sie mit anderen Mitstreitern aus der Partei zwei Stadtfeste und war Mitgründerin der Wedeler Tafel.
„Man muss selbst etwas tun, wenn man etwas verändern will“, sagt sie.
Zudem stand Sie eben viele Jahre auf der Bühne der Batavia. Theater, Humor und Haltung – drei Säulen eines vollen und erfüllten Lebens. Heute genießt sie noch immer an zwei Nachmittagen die Arbeit in der Schule mit den Kindern. „Die Fröhlichkeit der Kinder hält mich jung“, sagt sie.
Goldene Regel, rote Linie
Was sie im Beruf und im Privatleben beachtet, ist eine einfache Maxime: „Was du nicht willst, dass man dir tu, das füg auch keinem andern zu.“ Diese goldene Regel war ein Lebensmotto Ihres Vaters, dem Sie immer sehr nahe stand. Sie glaubt an Toleranz, an Respekt und an die Kraft des Miteinanders.
„Viele ältere Menschen ziehen sich zurück, wenn sie nicht mehr müssen“, sagt sie. „Aber genau dann sollte man sich zeigen – mitmachen, Erfahrungen weitergeben.“
Was einst aus Not begann, wurde zum Glücksfall: Ihre Arbeit mit den Kindern ist ihr Jungbrunnen. Und vielleicht auch der beste Beweis dafür, dass man für einen Neuanfang nie zu alt ist.






