„Backpfeifen“ am Tag der gewaltfreien Erziehung

Mit einer ebenso kreativen wie nachdenklich stimmenden Aktion haben Kinder der Arbeitsgemeinschaft „Humboldt-Helfer“ gemeinsam mit dem Deutschen Kinderschutzbund, Ortsverband Wedel, in den Welau Arcaden ein Zeichen für Gewaltfreiheit gesetzt. Ausgerechnet „Backpfeifen“ sollten zum 30. April – dem Tag der gewaltfreien Erziehung – zum Umdenken anregen.

Published30. April 2026

AuthorWolf-Robert Danehl

An einem Stand des Kinderschutzbundes Wedel in den Welau-Arcaden stehen Kids vom Humboldt-Team und Frauen des Kinderschutzbundes und halten "Backpfeifen" in Tüten ins Bild.

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Die Humboldt-Helfer umrahmt von den Frauen des Kinderschutzbundes überreichten in den Welau-Arcaden "Backpfeifen" und kamen so ins Gespräch mit Wedelern über gewaltfreie Erziehung. (Fotos: Danehl)

Hintergrund ist eine alarmierende Zahl: Jede sechste befragte Person hält es laut einer repräsentativen Studie für angebracht, ein Kind zu ohrfeigen. Die Untersuchung zu Einstellungen gegenüber Körperstrafen und elterlichem Erziehungsverhalten in Deutschland wurde im Frühjahr 2020 im Auftrag von UNICEF Deutschland und dem Deutschen Kinderschutzbund von der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie/Psychotherapie des Universitätsklinikums Ulm durchgeführt. Sie macht deutlich: Der Aufklärungsbedarf ist weiterhin hoch.

Genau hier setzt die Wedeler Aktion an. Rund 200 „Backpfeifen“ – ein eigens für diesen Anlass gebackenes Gebäck – verteilten Kinder der Arbeitsgemeinschaft „Humboldt-Helfer“ der Gebrüder-Humboldt-Schule (GHS) in den Welau Arcaden

Die Kids von den "Humboldt-Helfern" überreichten an Passanten "Backpfeifen" zum Tag der gewaltfreien Erziehung.

Die Kids von den „Humboldt-Helfern“ überreichten an Passanten „Backpfeifen“ zum Tag der gewaltfreien Erziehung.

und suchten aktiv das Gespräch mit Passantinnen und Passanten. Hergestellt wurden die Backwaren von Bäckermeister Stephan Liebig gemeinsam mit Bonny Redelstorff, Cornelia Mayer-Schwab, Claudia Rath, Anette Lomberg und Wolfgang Lomberg vom Kinderschutzbund Ortsverband Wedel; die Zutaten spendete Konditormeister Hartmut Stünkel.

Das "Backpfeifen-Team" des Kinderschutzbund in der Backstube von Stephan Liebig (zweiter v. links) hatte viel Spaß.

Das „Backpfeifen-Team“ des Kinderschutzbund in der Backstube von Stephan Liebig (zweiter v. links) hatte viel Spaß.

Bäckermeister Stephan Liebig schwingt die Teigrolle. Aber keine Angst:, es ging ganz friedlich und gut gelaunt zu beim Vorbereiten der "Backpfeifen".

Bäckermeister Stephan Liebig schwingt die Teigrolle. Aber keine Angst:, es ging ganz friedlich und gut gelaunt zu beim Vorbereiten der „Backpfeifen“.

Gebäck mit doppelter Bedeutung

Die Idee ist bewusst doppeldeutig: „Backpfeifen“ stehen im Alltag für Gewalt und Kränkung – hier werden sie zum Symbol für Dialog und Aufklärung.

Bäckermeister Stephan Liebig knüpfte dabei an eigene Erfahrungen an: „Ich kenne noch die Zeit körperlicher Züchtigung. Wenn ich als Kind zu spät nach Hause kam, wartete meine Mutter schon mit dem Holzkochlöffel.“

Gerade solche Erinnerungen zeigen, warum es heute darum geht, Gewalt klar zu benennen und nicht zu verharmlosen. Das Gebäck dient dabei als Türöffner für Gespräche.

Kinder kommen ins Gespräch

Sieben Kinder der AG – Max, Theo, Yusuf, Emma, Lea, Amélie und Ranja – beteiligten sich an der Aktion, begleitet von ihrer Lehrerin Sonja Strecker. Die Arbeitsgemeinschaft besteht seit dem Schuljahr 2016/2017 und beschäftigt sich regelmäßig mit sozialen Projekten und Kinderrechten.

Am Nachmittag verteilten die Kinder die „Backpfeifen“ und suchten gezielt das Gespräch. Schnell wurde deutlich: Gewalt wird oft zunächst nur mit körperlichen Übergriffen verbunden. „Auch Worte können verletzen, einen kleinmachen – und das bleibt lange im Kopf“, sagte Lea. Lehrerin Sonja Strecker ergänzte, viele Kinder hätten den Gewaltbegriff zunächst nur schwer einordnen können.

Mehr als nur körperliche Gewalt

Gerade darin liegt die Stärke der Aktion: Sie erweitert den Blick auf das, was Gewalt sein kann. Bonny Redelstorff, Kinderkrankenschwester, Gestalttherapeutin und Initiatorin der Aktion, betont, dass auch Sprache Kinder tief verletzen kann. Viele Passantinnen und Passanten stimmten zu, dass Sätze wie „Ich bin enttäuscht von dir“ oder Verallgemeinerungen wie „Immer machst du so etwas“ beschämend wirken und Kinder verunsichern können.

Auch persönliche Reflexionen wurden angestoßen. Der Wedeler Walter Stoltz sagte: „Ich wusste gar nicht, dass es diesen Tag gibt.“ Gert Bruß ergänzte: „Manchmal will man gar nicht verletzen. Aber im Alltag fehlt oft die Geduld – dann werden klare Worte schnell zu harten Worten.“

Zwischen Anspruch und Alltag

Dabei ist das Recht auf gewaltfreie Erziehung seit dem Jahr 2000 gesetzlich verankert (§ 1631 Abs. 2 BGB). Körperliche Bestrafungen, seelische Verletzungen und entwürdigende Maßnahmen sind unzulässig. Dennoch zeigt die Studie: Der gesellschaftliche Wandel ist im Gange, spiegelt sich aber noch nicht durchgehend im Alltag wider.

Die Wedeler Aktion trifft genau diesen Punkt. Sie sensibilisiert, ohne zu belehren, und macht deutlich: Kinderrechte sind nicht abstrakt. Sie sind sichtbar, hörbar – und in diesem Fall sogar schmeckbar.

 

 

 

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