„112, Feuerwehr – was ist passiert?“
Wenn es brennt, entscheiden Sekunden – und das richtige Verhalten kann über Leben und Tod bestimmen. In Wedel lernen Kinder schon früh, wie sie im Ernstfall Ruhe bewahren, Hilfe holen und verstehen.
8. März 2026
Wolf-Robert Danehl

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Lehrerin Leonie Wakzak und die Klasse 3d der Altstadtschule durften im Rahmen des Sachkundeunterrichtes in der Schule die Wedeler Wache besuchen und erfuhren viel über Brandschutz.
Als Tim den Rauch im Flur riecht, schlägt sein Herz bis zum Hals. Er erinnert sich an den Besuch bei der Feuerwehr, an die Stunde mit Brandmeister Daniel Maksic, an die Geschichten von Rauch und Flammen – und daran, was jetzt zu tun ist. Er läuft nicht zurück ins Kinderzimmer und kriecht auch nicht unters Bett, sondern geht zur Wohnungstür, ruft so laut er kann nach den Eltern und greift zum Telefon.
„112“, hat Maksic gesagt, „das ist die Nummer, die ihr immer wählen müsst – nicht die der Feuerwache in Wedel.“ Also tippt Tim zitternd die Zahlen, nennt seinen Namen, die Adresse, sagt, was passiert ist, und wartet auf Rückfragen, bis die Stimme aus der Leitstelle das Gespräch beendet.
So oder so ähnlich könnte sich ein Notfall mit Kind abspielen. Es sind genau diese Abläufe, die Wedeler Kinder vom Elementarbereich bis zur vierten Klasse im Rahmen der Brandschutzerziehung lernen – und die im Ernstfall den entscheidenden Unterschied machen können.
Ein Brandmeister für die Jüngsten
Daniel Maksic ist Brandmeister bei der Freiwilligen Feuerwehr Wedel und für die BEBA – Brandschutzerziehung und Brandschutzaufklärung – zuständig. Vor seiner Feuerwehrlaufbahn war er jahrelang als Notfallsanitäter im Einsatz, bevor er zur Feuerwehr wechselte und heute hauptamtlich bei der Freiwilligen Feuerwehr in Wedel angestellt ist. Sein Arbeitsfeld: Kinder von der Kindertagesstätte im Elementarbereich bis zu den vierten Klassen der Grundschulen in Wedel und Umgebung – ein Publikum, das viel fragt, schnell lernt und nie um spontane Kommentare verlegen ist.

In der Zentrale der Wache erläutert Daniel Maksic den Raum und seine Technik und sein kleines Empfangsgerät, das er immer bei sich trägt. Damit er sich im Alarmfall schnell auf den Weg zur Wache machen kann..
Rechtlich ist seine Aufgabe klar verankert: Nach § 6 Absatz 2 des Brandschutzgesetzes haben die Feuerwehren bei der Brandschutzerziehung und Brandschutzaufklärung mitzuwirken – ob im Kindergarten, in der Schule oder bei Informationsangeboten für Erwachsene. „Wir wollen nicht nur löschen, wenn es brennt“, sagt Maksic, „wir wollen verhindern, dass Brände Menschenleben gefährden – und da fängt man am besten bei den Kindern an.“
Besuch auf der Wache
Vormittags steht ein besonderer Termin im Kalender der Freiwilligen Feuerwehr Wedel: Die Klasse 3d der Altstadtschule Wedel macht sich mit ihrer Sachkundelehrerin Leonie Wakzak auf den Weg zur Feuerwehrwache, die es in Wedel bereits seit dem 30. Oktober 1971 gibt. 21 Schülerinnen und Schüler stehen erwartungsfroh vor den Toren, viele zum ersten Mal so dicht an Löschfahrzeugen, Atemschutzgeräten und Schlauchmaterial.
Maksic begrüßt die Gruppe, führt sie durch die Wache und erzählt vom Alltag der Feuerwehrleute: Allein in den ersten zwei Monaten des Jahres hat die Wedeler Wehr schon 125 Einsätze gefahren – von der sprichwörtlichen Katze im Baum über Baumfällarbeiten nach Sturmböen, um Straßen zu sichern, bis hin zu echten Brandeinsätzen mit dichter Rauchentwicklung. Dass hinter jeder Alarmierung echte Menschen stehen, echte Gefahren, aber auch eine eingespielte Mannschaft, wird den Kindern spätestens dann klar, als sie in das Innere eines Löschgruppenfahrzeugs klettern dürfen.
- Die Größe der Halle mit den Fahrzeugen und den Schutzanzügen war für die Kinder beeindruckend.
- Die Kinder durften einmal erleben, wie es als Einsatzgruppe im Löschfahrzeug ist..
Warum Feuerwehrleute manchmal Angst machen – und warum das gefährlich ist
Ein Ziel des Besuchs ist es, Kindern die Angst vor Feuerwehrleuten zu nehmen – besonders dann, wenn sie komplett mit Atemschutzgerät und Maske vor ihnen stehen. „Darunter steckt kein Monster aus dem Schrank, sondern Feuerwehrleute, die helfen wollen“, erklärt Maksic und lässt sich dafür bewusst Zeit. Er weiß aus Einsatzerfahrung: Es gibt Kinder, die sich vor Schreck unter das Bett, in den Schrank oder in ihr Lieblingsversteck flüchten, sobald sie Rauch sehen oder fremde, schwer ausgerüstete Menschen in ihrer Wohnung hören.
„Das, was beim Versteckspielen sinnvoll ist – dass man als Letzter gefunden wird –, kann im Brandfall Zeit und damit Leben kosten“, betont der Brandmeister. Kinder sollen verstehen: Im Notfall versteckt man sich nicht, sondern macht sich bemerkbar, verlässt, wenn möglich, das Gebäude und sucht sich einen sicheren Treffpunkt im Freien – etwa vor dem Haus oder bei den Nachbarn.
Die 112 und die fünf W-Fragen
Besonders intensiv übt Maksic mit den Kindern den Notruf über die 112. Das gilt nicht nur für Erwachsene – auch Kinder können im Ernstfall die entscheidende Verbindung zur Kooperativen Regionalleitstelle West in Elmshorn sein, die Feuerwehr und Rettungsdienst für mehrere Kreise koordiniert und gemeinsam mit der Polizei quasi „Tür an Tür“ arbeitet.
Im Unterricht und bei der Feuerwehr lernen die Kinder und Erwachsenen die sogenannten W-Fragen, die im Notfall beantwortet werden sollen:
- Wo ist es passiert? (Ort, Straße, Hausnummer, Stockwerk, Besonderheiten)
- Wer ruft an? (Name und Telefonnummer für Rückfragen)
- Was ist passiert? (kurze Beschreibung: Feuer, Unfall, medizinischer Notfall)
- Wie viele Verletzte oder Betroffene gibt es? (Anzahl, wenn möglich Art der Verletzungen)
- Warten auf Rückfragen (nicht auflegen, bis die Leitstelle das Gespräch beendet)
Maksic macht deutlich: Die Kinder sollen nie die Nummer der Wedeler Feuerwache wählen, sondern immer die 112, damit der Notruf in der Leitstelle ankommt und von dort die zuständige Feuerwehr alarmiert wird. Den Ablauf übt er spielerisch – mit Rollenspielen. Macht selbst Fehler bei der Nummer, um sich von den Kindern korrigieren zu lassen. Sind abwechselnd. Leitstellendisponent und Anrufer, inklusive erfundener Straßennamen und kleiner Pannen, über die alle gemeinsam lachen dürfen.
Rauch, der unsichtbare Feind – was das Modellhaus zeigt
In einem Nebenraum steht ein besonderes Unterrichtsgerät: ein Rauchgasmodell in der Größe eines großen Puppenhauses. An diesem Modell kann Maksic eindrucksvoll zeigen, wie sich Rauch in einem Gebäude ausbreitet, wie schnell sich Räume füllen und warum Rauch oft gefährlicher ist als die Flammen selbst.

Brandmeister Daniel Maksic erklärt den Kindern das Rauchgasmodell.
Ein Beispiel, das die Kinder hörbar beeindruckt: Eine 10 Kilogramm schwere Schaumgummimatratze aus einem Kinderbett verwandelt sich bei der Verbrennung in rund 25.000 Kubikmeter Rauch – genug, um etwa 30 Einfamilienhäuser zu füllen. Moderne Kunststoffe setzen dabei hochgiftige Rauchgase frei; laut Feuerwehr können schon wenige Atemzüge in stark belasteter Luft zur Bewusstlosigkeit führen. Früher, so erklärt Maksic, lag die Temperatur in brennenden Gebäuden oftmals bei 600 bis 800 Grad Celsius, heute erreichen Brände durch die vielen Kunststoffe Temperaturen von 1000 bis 1200 Grad – Kunststoffe brennen eben anders und deutlich heißer.

Anschaulich für die Kinder: Ein Geburtstagsbrand in der Wohnstube. des Rauchgasnodells.
Raus, Türen zu – und niemals zurück ins Feuer
Was tun, wenn man ein Feuer in der Wohnung bemerkt? Für Maksic stehen klare Regeln an erster Stelle: Wenn möglich das Gebäude verlassen, alle anderen Bewohner alarmieren, Türen schließen, um die Ausbreitung von Rauch und Feuer zu verlangsamen – und dann draußen die 112 wählen. „Tür zu heißt: Wir geben der Feuerwehr mehr Zeit und uns mehr Sicherheit“, fasst er zusammen.
Wenn der Fluchtweg abgeschnitten ist und man die Wohnung oder das Zimmer nicht mehr verlassen kann, lautet die Empfehlung: in einem feuerfreien Raum bleiben, die Tür schließen, unten am Türspalt nasse Tücher oder Handtücher auslegen, um das Eindringen von Rauch zu verlangsamen – und sich am Fenster bemerkbar machen. Gleichzeitig warnt Maksic vor einem gefährlichen Mythos, der sich hartnäckig hält: „Ein nasses Tuch vor Mund und Nase ist kein Freifahrtschein, um durch dicht verrauchte Räume zu laufen.“
Er erklärt den Kindern, warum: Rauch enthält vor allem gefährliche, wasserunlösliche Gase wie Kohlenmonoxid, die ein nasses Tuch nicht filtert. Das Atmen durch ein nasses Tuch ist anstrengend, kann in einer Paniksituation zu Atemnot führen, und heißer Wasserdampf kann die Atemwege zusätzlich verbrühen. Vor allem aber kostet die Suche nach Wasser und Tuch wertvolle Sekunden und gibt ein trügerisches Sicherheitsgefühl, das Menschen dazu verleitet, sich in den Rauch zu wagen, statt den schnellsten sicheren Weg nach draußen zu suchen – möglichst aufrecht nur so lange wie nötig, dann möglichst tief, weil der Rauch nach oben zieht.
Warum Feuerwehrleute hinein dürfen – und andere nicht
Die Kinder wollen wissen, warum Feuerwehrleute in brennende Häuser gehen können und sie selbst auf keinen Fall. An diesem Punkt schlägt die Stunde der Schutzausrüstung – und der Spaßfaktor steigt spürbar.
- Hose und Stiefel werden miteinander verbunden aufbewahrt, damit es beim Einsatz scneller geht. 30 Sekunden darf das Anziehen dauern.
- Die dreifache Schutzjacke besteht außen aus Nomex ein Stoff mit Fasern., die nicht brennen und schmelzen.
Gemeinsam mit der Lehrerin demonstriert Daniel Maksic, wie viel Ausrüstung zu einer kompletten Einsatzkleidung gehört. Von den Stiefeln, die nicht nur schützen, sondern auch Halt geben, bis zur dreifachen Hosenkombination: eine bequeme Hose unten drunter, darüber eine Schutzhose gegen Verbrühungen und ganz außen die Brandschutzhose aus dem Spezialmaterial Nomex – einer Faser, die nicht brennt oder schmilzt.

Sachkundelehrerin Leonie Wakzak kam ganz schön ins Schwitzen als Sie zur Anschauung für die Klasse die ganze Schutzkleidung anziehen durfte.
Die Jacke ist ebenso mit zahlreichen Extras ausgerüstet, etwa mit Ellenbogenpolstern, wie die Hose mit Kniepolstern, weil sich Feuerwehrleute bei dichter Hitze und Rauch oft am Boden bewegen – dort, wo die Temperatur niedriger und die Sicht besser ist. Am Helm sitzt eine Lampe, die beide Hände frei lässt und gleichzeitig den Kopf schützt; ein bruchsicheres Visier schirmt das Gesicht ab und eine integrierte Sonnenblende hilft, wenn bei Außenangriffen auf der Leiter oder beim Löschen die Sonne blendet.

Cool: Helm mit Sonnenbrille. Zum Schutz vor der blendenen Sonne im Einsatz.
Zum Höhepunkt des Besuchs dürfen alle Kinder in ein Löschgruppenfahrzeug klettern. Maksic erklärt, dass solche Fahrzeuge in der Regel mit neun Feuerwehrleuten besetzt sind – mindestens aber mit sechs – und aus einem Einheitsführer, drei Trupps (Angriffs-, Wasser- und Schlauchtrupp) sowie dem Maschinisten bestehen, der das Fahrzeug fährt und die Pumpen bedient.
Leitstelle Elmshorn – der unsichtbare Partner
Zwischendurch wirft Maksic einen Blick auf den Funk – im Hintergrund läuft der Alltag der Feuerwehr weiter. Er erklärt den Kindern, dass ihr Notruf nicht direkt in der Wache in Wedel ankommt, sondern in der Kooperativen Regionalleitstelle West in Elmshorn. Dort arbeiten Feuerwehr und Rettungsdienst gemeinsam mit der Polizei in einer modernen Leitstelle, die alle Notrufe über 112 für mehrere Kreise entgegennimmt und die einsatzbereitesten Kräfte koordiniert.
Für die Kinder bleibt vor allem ein Satz hängen: „Ihr müsst die 112 wählen, alles andere machen wir.“ Die scheinbar komplizierte Technik im Hintergrund reduziert sich so auf eine klare Botschaft : trauen, anrufen, reden, dranbleiben.
Lernen für den Ernstfall – und Weitererzählen
Als der Besuch zu Ende geht, hat die 3d der Altstadtschule ein ganzes Paket an Eindrücken im Gepäck: beeindruckende sichtbar große rote Löschfahrzeuge, den Geruch in der Fahrzeughalle, die Enge im Fahrzeug, das leise Zischen im Rauchgasmodell, den Klang der Funkgeräte. Vor allem aber haben die Kinder eine klare Vorstellung davon, wie sie sich im Notfall verhalten sollen – nicht verstecken, raus, Türen zu, 112 wählen, die W-Fragen beantworten und auf Rückfragen warten.
In der Schule werden sie ihren Mitschülerinnen und Mitschülern erzählen, was sie bei Daniel Maksic gelernt haben. Wie ernst der Brandmeister über hochgefährliche Rauchgase sprechen kann und im nächsten Moment doch wieder humorvoll und kindgerecht erklärt, warum die große Atemschutzmaske kein Grund zur Angst ist. Vielleicht ist es am Ende genau diese Mischung aus Fakten, Bildern im Kopf und einem Schuss Humor, die dafür sorgt, dass Kinder im Ernstfall so handeln wie der erfundene Tim am Anfang der Geschichte – ruhig genug, um das Richtige zu tun.











