Wie Kriege Energie verteuern
Beim zweiten „Energy Talk“ der Stadtwerke Wedel erläuterte Geschäftsführer Jörn-Peter Maurer wie sich Gas-Knappheit auf den Strompreis auswirkt und Nahost-Experte Dr. Michael Lüders präsentierte Theorie zu politisch-strategischen Hintergründen.
29. Mai 2026
Jörg Frenzel

stw Energy Talk Bühne Maurer Lüders
Auf der Bühne: Stadtwerke-Geschäftsführer Jörn-Peter Maurer (links) und Dr. Michael Lüders
Weil der aktuelle Diskurs in der Gesellschaft oft oberflächlich bleibt, bieten die Stadtwerke mit ihrer Veranstaltungsreihe „Energy Talk“ an, gewichtige Themen intensiver zu hinterfragen um Zusammenhänge verständlich zu gestalten. Die aktuellen Ausgabe mit dem Titel „Versorgungssicherheit in bewegten Zeiten“ widmete das kommunale Versorgungsunternehmen vor rund 100 Gästen im Theater Wedel den Auswirkungen des Krieges am Golf auf Energiepreise – und möglichen Absichten der Weltpolitik.
Bevor Islamwissenschaftler und Politologe Dr. Michel Lüders die aktuelle Krise in das Ringen der Super-Mächte einordnete, erläuterte Jörn-Peter Maurer die konkreten Auswirkungen auf Märkte und Preise. Er zeigte auf, in welchen Ländern und in welchem Umfang die Quellen der Energie sprudeln. Er schilderte, welche Länder welche Mengen an Erdgas und Erdöl fördern und an wen sie die Energieträger exportieren. Dabei wurde klar, wie selbst kleine Verwerfungen große Auswirkungen auf Preise haben können. Verflüssigtes Erdgas – LNG – beispielsweise wird dahin geliefert, wo kurzfristig am meisten bezahlt wird – im Gegensatz zu Erdgas aus Pipelines, dessen Preis meist durch langfristige Verträge gesichert ist.
Der Geschäftsführer schilderte ebenfalls, wie fragil die Strompreise auf den Wechsel bei Erdgas-Preisen reagieren, weil jeweils die teuerste Erzeugungsart im System den Gesamtpreis bestimmt. Mag noch so viel Energie durch Sonne und Wind erzeugt werden – wenn trotzdem teure Gaskraftwerke zugeschaltet werden müssen, um den Bedarf zu decken, richtet sich der Gesamtpreis nach ihnen. Die Stadtwerke versuchen nach seinen Angaben, durch langfristige und kontinuierliche Beschaffung die größten Preisspitzen zu brechen, was andererseits zur Folge hat, dass auch kurzfristige Preistäler nicht voll ausgeschöpft werden können.
Energie und ihre Verfügbarkeit – sie sind der Schlüssel fürs Wohl und Wehe nicht nur der Verbraucher in Wedel, sondern ganzer Staaten. Wie dies in der Strategie der großen Mächte wie China, Russland und den USA zum Tragen kommt, beleuchtete Dr. Michael Lüders. Sein Vortrag mit logischer Schilderung von Motiven und den daraus folgenden Konsequenzen war ein Polit-Thriller auf Welt-Niveau im Wortsinne. Denn er ist der Ansicht, dass es den Akteuren, insbesondere den USA, im Kern darum gehe, über Energieströme andere Länder zu beeinflussen, um so die Hegemonie der USA zu sichern.
Nach seiner nicht unumstrittenen Meinung versuchen die USA nach der erfolgreichen Sicherung der riesigen Ölvorräte Venezuelas nun, den Iran zu brechen, um die Energiereserven des Nahen Ostens unter Kontrolle zu bekommen. Weil „der große Widersacher“ China und der große Rest von Asien dort seine Lieferungen bezieht, sei das ein Hebel, China einzuhegen. „Skrupellos und pragmatisch“ gingen die USA im Verbund mit Israel dabei vor, das seine Vorherrschaft in der Region ausweiten wolle.
In diesem Zusammenhang äußerte der ehemalige Nahost-Korrespondent der ZEIT und jetziges Vorstandsmitglied der Partei BWS heftige Kritik an den Europäern und der EU im Allgemeinen und an der Bundesregierung im Besonderen. Lüders ging auf eine Tour d’horizon der historischen Entwicklungen. Sie seien durch das Bestreben der von den USA dominierten NATO gekennzeichnet, Russland einzuhegen und dabei Europa zu schwächen. Seine These: Aus „moralistischen Gründen“ habe Deutschland nach dem – auch von Lüders kritisierten – Einmarsch in die Ukraine seine Energielieferungen aus Russland drastisch zurückgefahren, die auch in den schlimmsten Zeiten des kalten Krieges immer funktioniert hätten. Zwar habe Deutschland sich dadurch aus der Energieabhängigkeit des Aggressors gelöst, sich aber in eine neue Abhängigkeit von den USA und Norwegen begeben, die jetzt das Gas bereitstellen. Dabei führte Lüders den US-amerikanischen Investigativ-Journalisten Seymour Hersh als Kronzeugen an, der die Sprengung der Nord Stream-Pipeline zu Russland den USA und Norwegen zuschrieb, weil diese von Gaslieferungen an Deutschland profitierten – Aussagen, bei denen manche im Publikum erst einmal tief durchatmen mussten.
Die Entscheidung Deutschlands, nicht mehr bei Russland einzukaufen, habe zu überhöhten Preisen geführt- und das, ohne dass Russland dabei geschädigt werde. Denn über in Indien verarbeitetes russisches Öl, gelangten Produkte daraus ohnehin nach Deutschland – und zwar zum zehnfachen Preis. Lüders wörtlich: „Die Inder lachen sich kaputt. Deutschland ist der einzige Staat, der so eigene Wirtschaft zerstört.“
Dringend plädierte Lüders deshalb für mehr Pragmatismus und Beachtung der eigenen wirtschaftlichen Interessen. Enorm wichtig sei dabei der Verbund mit den anderen Ländern der EU und ein entschiedenes Eintreten auch gegen den Wertepartner USA, der nicht mehr verlässlich sei, weil er nur auf eigene Interessen achte.
Im Anschluss an seinen Vortrag, konnte das Publikum in einer Fragerunde weitere Aspekte ansprechen. Die Resonanzen waren zwiegespalten. Es gab Zustimmung und auch schroffe Ablehnung. Geschäftsführer Jörn-Peter Maurer ist mit dem „Energy Talk“ zufrieden: „Wir konnten unterschiedliche Positionen darstellen, zum Nachdenken anregen und Wissen vertiefen. Man muss nicht immer einer Meinung sein – aber man muss Meinungen austauschen können. Und das haben wir erreicht.“






