Wedel: Mehr Menschen – aber immer weniger Jobs
Bundesinstitut bescheinigt demografisches Wachstum bei schrumpfenden Arbeitsplatz-Zahl - Agentur für Arbeit bestätigt die Zahlen.
20. August 2026
Jörg Frenzel

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Mit diesem Bild wirbt die Wirtschaftsförderungsgesellschaft des Kreis Pinneberg für Unternehmensansiedlungen in Wedel - wohl alle hoffen auf Erfolg. Foto: WEP
Das Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) hat alle Kommunen der Republik unter die Lupe genommen. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler beschäftigten sich in einer Analyse mit den wachsenden und schrumpfenden Städten und Gemeinden – und dabei auch mit Wedel. Das Ergebnis: Wedel wird von der Bundesbehörde als „wachsend“ eingestuft. Das gilt allerdings nur für die Anzahl der Bürgerinnen und Bürger – bei wirtschaftlichen Faktoren wie Arbeitsplätzen und Gewerbesteuer schrumpft die Stadt. Nach flankierenden Angaben der Arbeitsagentur ging die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten mit Arbeitsort Wedel von 2021 bis 2025 um 1.200 Personen zurück.
Warum weist das Gesamt-Testat „wachsend“ aus, wo doch eine so große Zahl von Arbeitsplätzen wegfiel? Des Pudels Kern: Die BBSR-Fachleute betrachten insgesamt sechs Indikatoren inklusive der wirtschaftlichen, gewichten aber fürs Endergebnis die Demografie bezogenen Indikatoren doppelt.
Indikator 1: Bevölkerungsentwicklung
Die durchschnittliche jährliche Bevölkerungsentwicklung der letzten fünf Jahre in Wedel betrug plus 0,67 Prozent. Die Bevölkerungsentwicklung bildet nach Angaben des BBSR den „zentralen Indikator zur Einordnung von Wachstum und Schrumpfung“. Sie fasst die Entwicklung der Einwohnerzahl über einen Zeitraum von fünf Jahren zusammen. Wedel besaß stand 31. Dezember 2025 rund 35.000 Einwohnerinnen und Einwohner auf einer Fläche von rund 33,81 Quadratkilometern.
Indikator 2: Durchschnittlicher jährlicher Gesamtwanderungssaldo
Dieser Wert wurde über die vergangenen fünf Jahre je 1000 Einwohner erhoben und liegt für Wedel bei plus 13,07. Der Wanderungssaldo beschreibt die Gesamtzahl aller Zuzüge minus der Fortzüge einer Kommune und liefert Hinweise auf ihre Attraktivität als Wohn- und Lebensstandort. Wedel hat also je 1000 Einwohner rund 13 mehr bekommen als es verlassen haben. Bei den etwa 35.000 Einwohnern wären das demnach grob gerechnet 455 Personen mehr. „Wanderungsbewegungen prägen die Bevölkerungsentwicklung maßgeblich und beeinflussen zugleich die Altersstruktur und die zukünftige Entwicklung einer Gemeinde“, erklärt das BBSR.
Indikator 3: Durchschnittliche jährliche Entwicklung der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter
Hier wurden die Altersgruppen von 20 bis 64 Jahren in den vergangen fünf Jahren betrachtet. Der Wert für Wedel liegt bei plus 0,64 Prozent. „Die Entwicklung der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter ist von besonderer Bedeutung für den Arbeitsmarkt und die sozialen Sicherungssysteme. Sie ergänzt die allgemeine Bevölkerungsentwicklung um eine altersstrukturelle Perspektive und weist häufig eigenständige Entwicklungsmuster auf“, so das Institut.
Indikator 4: Durchschnittliche jährliche Entwicklung der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten am Arbeitsort
Auch diese Entwicklung wurde über die vergangenen fünf Jahre ermittelt. Sie liegt für Wedel bei minus 2,06 Prozent. Das BBSR: „Dieser Indikator zeigt, ob Beschäftigung am Arbeitsort aufgebaut oder abgebaut wird. Er basiert auf den sozialversicherungspflichtig Beschäftigten, für die auf Gemeindeebene eine flächendeckende und regelmäßig verfügbare Datengrundlage besteht.“ Im Klartext: Die Zahl der Menschen, die in Wedel für ihren Lebensunterhalt arbeiten und dafür gemeinsam mit ihrem Arbeitgeber Kranken-, Pflege-, Renten- und Arbeitslosenversichung zahlen, schwindet.
Die Statistik „Arbeitsmarkt kommunal“ der Arbeitsagentur stützt diese Sicht. Danach ist die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten mit Arbeitsort Wedel von 2021 bis 2025 um mehr als 1.200 Personen zurückgegangen. Dies bedeutet, es gibt praktisch 1.200 Arbeitsplätze in Wedel weniger. Sie sind nach Angaben der Agentur insbesondere im „produzierenden Gewerbe“ entfallen, während die anderen Bereiche stabil geblieben seien.
Nach der Statistik der Agentur stieg die „arbeitende Wohnbevölkerung“ um rund 800 Personen ebenso wie die Zahl der Auspendler. Die Schlussfolgerung der Agentur: Es arbeiten mehr Menschen, die in Wedel wohnen. Sie arbeiten jedoch nicht in Wedel, sondern -mit großer Wahrscheinlichkeit- in Hamburg oder Kreis Pinneberg. Gleichzeitig gehen die Arbeitsplätze und damit die Zahl der Beschäftigten in der Stadt zurück.
Indikator 5: Veränderung der Arbeitslosenquote
Die durchschnittliche jährliche Veränderung der Arbeitslosenquote der letzten fünf Jahre lag in Wedel bei plus 0,15 Prozent. Die Anzahl der Arbeitslosen in der Kommune ist also gewachsen. Das BBSR dazu: „Die Entwicklung der Arbeitslosenquote bildet Veränderungen am Arbeitsmarkt ab und berücksichtigt zugleich die wirtschaftliche Situation einer Kommune. Um kurzfristige Schwankungen zu reduzieren, werden Zwei-Jahres-Mittelwerte verwendet. Die Auswertung erfolgt getrennt nach drei Gruppen mit unterschiedlichem Ausgangsniveau der Arbeitslosigkeit.“ Im Juli waren 1.178 Personen in Wedel arbeitslos gemeldet. Ds entspricht einer Quote von 6,2 Prozent.
Indikator 6: Durchschnittliche jährliche Entwicklung des Gewerbesteuergrundaufkommens
Dieser Wert wurde je Einwohner der letzten fünf Jahre berechnet und beträgt für Wedel minus 1,86 Prozent. Auf der 170 Städte und Gemeinden langen BBSR-Liste der schleswig-holsteinischen Kommunen gehört Wedel zu jenen 19, in denen dieses Gewerbesteuergrundaufkommen gesunken ist.
„Das Gewerbesteuergrundaufkommen dient als Indikator für die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit einer Kommune. Um Unterschiede durch kommunale Hebesätze auszuschließen, wird das Grundaufkommen und nicht das tatsächliche Gewerbesteueraufkommen betrachtet. Auch hier werden Zwei-Jahres-Mittelwerte zur Glättung kurzfristiger Schwankungen eingesetzt“, bescheibt das Institut. Das Gewerbesteuergrundaufkommen ist die Gesamtsumme an Gewerbesteuer, die eine Gemeinde von den ansässigen Unternehmen einnimmt. Diese oft stark konjunkturabhängige Summe steht der Stadt nicht komplett zu, sondern wird geschmälert durch die Gewerbesteuerumlage, die von allen Kommunen an Bund und Land zu zahlen ist. Dafür erhalten die Kommunen im Gegenzug Anteile von der Einkommenssteuer. Belastend für die Stadt ist zusätzlich die Kreisumlage, die sich der Kreis Pinneberg anteilig aus dem gesamten Steueraufkommen einverleibt. Insgesamt wird durch die BBSR-Auswertung bestätigt: Wedels hat tendenziell weniger finanzielle Mittel zur Verfügung.
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