Viele Aufgaben für Wedel-Marketing-Mann Florian Gehre
Interview mit dem Wirtschaftsmanager - aus Sicht des Vorstands von Wedel Marketing ist die personelle Erweiterung ein wichtiger strategischer Schritt.
4. Mai 2026
Jörg Frenzel

Gehre Florian Wedel Marketing Stadtmuseum
Florian Gehre ist studierter Sportmanager und freut sich sehr auf die Arbeit im neuen Team. Foto: Wedel Marketing
Der jüngste verkaufsoffene Sonntag verlief nach Recherchen von Wedel-Klartext wohl eher durchwachsen. Während Sabine Lehmann sich darüber freute, dass schon vor dem Start eine Interessentinnen-Schlange vor der Tür ihres Bekleidungsgeschäfts wartete, zeigte sich Silke Steyer vom Buchhaus „traurig“ über eine eher spärliche Resonanz und dass es weder den Publikumsmagneten „Automeile“ noch eine fürs Flanieren gesperrte Bahnhofstraße gab. Das Ritterfest wiederum fand vergleichsweise fernab auf dem Festplatz statt. Florian Gehre wird sich die Lage intensiv angeschaut haben. Denn er ist seit April beim Verein Wedel Marketing als „Wirtschaftsmanager“angestellt. Der Verein, der einen Jahreszuschuss von 135.000 Euro aus der Stadtkasse erhält, bekommt überdies für Gehres Position noch Förderung im Rahmen des Europäischen Landwirtschaftsfonds für die Entwicklung des ländlichen Raums (ELER) von der Europäischen Union, vom Land Schleswig-Holstein und von der AktivRegion Pinneberger Marsch & Geest e.V.
Vierte Kraft in der Wedel-Marketing-Geschäftsstelle
Der 35 Jahre alte Quickborner ist die nun vierte Kraft im Wedel-Marketing-Team mit Monika Hardich und Alexander Fröschke sowie der langjährigen Geschäftsführerin Claudia Reinhard, die ihre Mails jetzt mit „Stv. Geschäftsführung“ unterzeichnet. Der Ansatz: „Mit der personellen Verstärkung baut Wedel Marketing auf einer gewachsenen Projektarbeit mit etablierten Veranstaltungen, aktiver Innenstadtarbeit und einer engen Vernetzung mit lokalen Akteuren auf und wird seine Aktivitäten in der Innenstadtentwicklung, im Standortmarketing und bei digitalen Angeboten künftig noch gezielter vorantreiben können“, erklärte Wedel-Marketing.
Für Wedel-Klartext beantwortete Gehre, der zuletzt als Kaufmännischer Leiter und Prokurist in einem internationalen IT-Unternehmen tätig war und beim Handball Sport Verein Hamburg als Geschäftsführer die Gesamtverantwortung für die Administration und Organisation sowie das Eventmanagement rund um den Bundesliga-Spielbetrieb trug, einige Fragen.
Wedel-Klartext: Wie war die bisherige Beziehung zu Wedel? Bestanden Kontakte in die Stadt?
Florian Gehre: Als Norddeutscher und Hamburger „Randpendler“ kenne ich Wedel natürlich – das Willkomm-Höft, die maritime Kulisse, die Nähe zur Elbe. Ein direkter beruflicher oder privater Bezug bestand vor meinem Antritt allerdings nicht. Ich habe weder in Wedel gearbeitet noch persönliche Netzwerke vor Ort gehabt. Das baue ich jetzt gezielt auf.
Warum gab es den Jobwechsel? Die jetzige Stelle ist ja nur befristet.
Mein Jobwechsel und der Schritt nach Wedel waren ein bewusster Richtungswechsel. Drei Jahre lang war ich sehr BWL- und prozessgetrieben unterwegs: Finanzen, Controlling, Administration. Das war fachlich spannend, aber mir hat der direkte Menschen- und Erlebnisbezug gefehlt, den ich aus meiner Zeit im Sport kannte.
Wo liegen die Unterschiede zur Arbeit des städtischen Wirtschaftsförderers?
Die Rollen sind komplementär, nicht konkurrierend. Die städtische Wirtschaftsförderung ist Teil der Verwaltung und denkt primär vom Standort, von Flächen und Unternehmensansiedlungen aus. Ich als Wirtschaftsmanager bei Wedel Marketing sehe mich als Netzwerker, der mit allen Akteuren – insbesondere mit denen der Innenstadt, aber eben nicht nur – im engen Austausch steht und die Fäden zusammenführt. Mein Fokus ist die Aufenthaltsqualität, die Belebung der Bahnhofstraße, die Vernetzung aller städtischen Akteure. Mit unserem städtischen Wirtschaftsförderer Manuel Baehr pflege ich seit meinem Start einen regelmäßigen und konstruktiven Austausch. Die Entwicklung Wedels sehen wir als gemeinsame Aufgabe.
Wie helfen die bisherigen Erfahrungen bei den künftigen Aufgaben?
Stadtmarketing ist fachlich anders als kaufmännische Leitung. Die Schnittmengen sind aber größer, als es auf den ersten Blick wirkt. Zudem bringe ich aus meiner Zeit im Profisport mit, Menschen zu begeistern, Veranstaltungen zu organisieren und mit vielen Stakeholdern gleichzeitig zu arbeiten: Fans, Sponsoren, Verband, Medien, Politik. Als Geschäftsführer des HSV Hamburg habe ich genau diese Vielfalt tagtäglich moderiert. Aus meiner Zeit in der kaufmännischen Leitung bringe ich das Handwerk mit: Budgets aufstellen, Prozesse strukturieren, Förderlogiken verstehen, Verträge verhandeln. Und nicht zuletzt: Aus meiner langjährigen Vereinsarbeit weiß ich, wie man mit begrenzten Ressourcen Wirkung erzeugt und wie wichtig Zuhören im Umgang mit ehrenamtlichen und kleinteiligen Strukturen ist.
Wie liegt Wedel im Vergleich mit anderen Städten?
Ich nehme Wedel als eine Stadt wahr, die mehr ist, als sie nach außen zeigt; da schlummert Potenzial unter der Oberfläche. Im Vergleich zu Städten ähnlicher Größe im Hamburger Umland hat Wedel mit der Elblage ein klares Alleinstellungsmerkmal. Zugleich ist die räumliche Trennung zwischen Hafen und Innenstadt eine Herausforderung, die so nicht jede Nachbarstadt hat.
Wie ist die Beurteilung zu Branchenmix und Leerstand in der Bahnhofstraße?
Wir müssen bei beiden Themen den Rahmen neu denken: Die Innenstadt ist nicht mehr nur der Ort, an dem man einkauft. Sie ist der Ort, an dem man sich aufhält, trifft, verweilt, gemeinsam Zeit verbringt. Es fehlen Anker für Aufenthalt und Begegnung: Gastronomie mit Verweildauer, Kultur, Orte zum Pausieren. Der Leerstand ist für eine Stadt dieser Größe spürbar, aber kein Einzelfall. Entscheidend ist nicht, ob morgen jede Fläche neu vermietet ist, sondern dass Leerstand nicht tot wirkt. Mit Zwischennutzungen, Pop-ups und einladender Schaufenstergestaltung können wir schnell sichtbar machen: Hier passiert etwas, hier ist Leben. Und parallel dann Druck auf alle Maßnahmen, um die Innenstadt als gemeinsamen Ort zu gestalten.
- Der ehemalige Bürgermeister Gernot Kaser (links) und seine Mitstreiterinnen und Mitstreiter von den „Freien Wählern“ wünschen sich einen Bürgerrat. Foto: Frenzel
Wo liegt die Verantwortung dafür?
Verantwortung ist hier geteilt, und deshalb hilft Fingerzeigen auch nicht weiter. Eigentümer entscheiden über Mietpreise und Vermarktung, Händler tragen die Auslastung, die Kommune setzt den Rahmen – Aufenthaltsqualität, Verkehrsführung, Ordnung. Strukturell mischen Online-Handel und verändertes Konsumverhalten mit. Mein Job ist nicht, Schuld zu verteilen, sondern die Akteure an einen Tisch zu bekommen und gemeinsam handlungsfähig zu machen.
Was sind die größten Herausforderungen?
Die gefühlte und tatsächliche Distanz zwischen Elbe/Hafen und Innenstadt zu reduzieren. Den wiederkehrenden Leerstand in der Bahnhofstraße zu aktivieren, auch aber eben nicht nur kurzfristig über Zwischennutzungen. Den lokalen Handel digital sichtbar zu machen, konkret über „Moin Wedel“. Wedel als attraktives touristisches Ziel zu positionieren. Und einen gemeinsamen Gestaltungswillen unter den Akteuren zu moderieren.
Welches sind die ersten Aufgaben?
Akteure kennenlernen und zuhören: Einzelhändler, Gastronomen, Eigentümer, Vereine, Wirtschaft, Politik. Eine Bestandsaufnahme der Innenstadt: Branchenstruktur, Leerstand, Eigentümerlandschaft. „Moin Wedel“ inhaltlich schärfen und in die operative Umsetzung bringen. Priorisierung der weiteren Maßnahmen aus dem Innenstadtentwicklungskonzept – und: gemeinsam mit den Akteuren eine Ideenbasis schaffen, zunächst breit und kreativ, um weitere Maßnahmen zu gestalten.
Welche ist davon schon angegangen?
Ich bin jetzt etwa vier Wochen im Amt, und der Schwerpunkt liegt klar auf der Kennenlern- und Zuhörphase: viele Gespräche, erste Termine mit den Akteuren der Innenstadt, ein erstes gemeinsames Projekt mit der FH Wedel und „Moin Wedel“, dazu erste Kontakte zu Stadtmarketing-Kollegen anderer Kommunen. Parallel arbeite ich an der operativen Schärfung von „Moin Wedel“. Die strukturierte Bestandsaufnahme der Bahnhofstraße ist vorbereitet. Konkrete sichtbare Aktionen sind in der Ideenphase, aber bewusst noch nicht entschieden: Erst zuhören, dann machen.
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