Medizinisches Training 4.0 – von der FH Wedel in die Welt
Wenn Hightech auf Lebensrettung trifft –„Immerzed“, ein Unternehmen, das an der FH Wedel seine Wurzeln hat und heute in Hamburg ansässig ist, revolutioniert mit Virtual Reality die Ausbildung von Notfallsanitätern. Eine Innovation, die zeigt, wie digitale Lernräume echte Leben retten können.
30. März 2026
Wolf-Robert Danehl

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Hinter dem Projekt stehen Maurice Dietrich (v.links), Frithjof Meinke und Jasper Ollmann (fehlt im Bild), drei ehemalige Studierende des Studiengangs Computer Games Technology an der FH Wedel. (Fotos: Danehl)
Die Gründungsgeschichte von „Immerzed“ beginnt nicht in einem Labor der Fachhochschule Wedel, sondern im Einsatzfahrzeug. Frithjof Meinke, früher selbst Notfallsanitäter, erlebte hautnah, wie entscheidend Routine und sichere Abläufe im Ernstfall sind. „Wir müssen im entscheidenden Moment reflexartig handeln – und genau das lässt sich nur durch realistisches Training üben“, sagt Meinke.

Frithjof Meinke hat beim Deutschen Roten Kreuz in Bad Segeberg eine Ausbildung als Notfallsanitäter abgeschlossen und mehr als eineinhalb Jahre in dem Beruf gearbeitet.
Doch die Realität im Rettungswesen macht das immer schwieriger: Krankenhäuser reduzieren Ausbildungskooperationen, Praktikumsplätze werden knapp, und so fehlen angehenden Sanitäterinnen und Sanitätern praxisnahe Übungsmöglichkeiten. Hier setzt die realitätsnahe Simulation „VRescue“ von Immerzed mit dem Training per Virtual Reality (VR) an.
Ein realistisches digitales Rettungsszenario
Was nach Zukunft klingt, ist längst Realität: Mit einer kabellosen VR-Brille und Handtracking-Technologie trainieren Teilnehmende gemeinsam realitätsnahe Rettungsszenarien – vom Verkehrsunfall bis zum Herzstillstand.

Maurice Dietrich(Co-Founder) hat die VR-Brille auf und versucht den Notfallpatienten zu behandeln.
„Wir wollten eine Lösung schaffen, die einfach verfügbar ist – keine sperrige Technik, kein komplizierter Aufbau“, erklärt Co-Founder Maurice Dietrich. „Unsere Nutzerinnen und Nutzer sollen sofort loslegen können.“
Die Software reagiert in Echtzeit auf Entscheidungen, bewertet die Abläufe und gibt Feedback: Wurde der Patient richtig eingeschätzt? Wurde die Triage korrekt durchgeführt? Die Simulation spiegelt die Situation so glaubwürdig wider, dass angehende Rettungskräfte selbst feine Anzeichen wie Hautfarbe, Atmung oder Bewusstseinszustand beurteilen müssen.
Wo Lernen zur Routine wird
In den VR-Simulationen von Immerzed geht es nicht um möglichst dramatische Effekte, sondern um präzises Handeln. Übungsorte wie eine Bushaltestelle oder ein Rettungswagen bilden komplexe Umgebungen, in denen die Lernenden eigenständig Entscheidungen treffen müssen.

Die schwebenden Hände im Bild bewegt der Übungsteinehmer mit der VR-Brille.. Im Rettungswagen wird der Notfallpatient realistisch behandelt
„Wir haben bewusst keine spektakulären Kulissen und besondere Actionszenarien integriert“, betont Mitgründer Maurice Dietrich. „Das Ziel ist nicht der Adrenalinkick – sondern dass sich Handlungsabläufe tief einprägen.“
„VRescue“ ist jedoch so konzipiert, dass auch Szenarien trainiert werden können, die im klassischen Übungstraining kaum annähernd realistisch umsetzbar sind – etwa der Umgang mit Kindern oder Schwerverletzten. Jede Simulation lässt sich beliebig wiederholen, so dass die Lernenden in unterschiedlichen Stadien einer Verletzung agieren können.
Aus Wedel in die Praxis
Hinter dem Projekt stehen Frithjof Meinke, Maurice Dietrich und Jasper Ollmann, drei ehemalige Studierende des Studiengangs Computer Games Technology an der FH Wedel. Unterstützt durch das Programm „BridgeYourIdea“ der Startup Bridge und Mentor Stephan Theis entwickelten sie aus einer Bildungsidee Ende 2022 ein Produkt.
Renommierte Pilot-Kooperationspartner wie die Johanniter-Akademie Campus Rostock und die DRK-Rettungsdienstschule Schleswig-Holstein halfen am Anfang dabei, „VRescue“ einem Praxistest zu unterziehen und die Simulation weiterzuentwickeln. Derzeit läuft noch bis Ende Mai 2026 die Betaphase; die Ergebnisse sind vielversprechend.
„Unsere Testnutzer berichten, dass sie sich im echten Einsatz sicherer fühlen und Abläufe schneller abrufen können“, sagt Meinke. Dass es zusätzlich sinnvoll ist, die analoge Schulung mit Puppen auch weiterzuführen, etwa die Herzdruckmassage oder die stabile Seitenlage, ist für das Gründertrio keine Frage. Denn das Ziel ist es, dass alle Geschulten im Ernstfall die lebensrettenden Maßnahmen an Notfallpatienten sicher durchführen können.
Zwischen Forschung und Vertrieb
Jetzt steht Immerzed vor der nächsten Etappe: Markteinführung und Ausbau des Kundenstamms. Erste Einrichtungen – darunter die Berufsfeuerwehr Salzgitter und die Johanniter-Akademie Niedersachsen/ Bremen – setzen bereits auf das System.
Mit einer VR-Brille, die rund 660 Euro kostet und der Software ist der Einstieg denkbar niedrigschwellig. „Viele Weiterbildungsinstitutionen sind heute offener gegenüber der VR-Technik und setzen diese auch immer mehr ein“, sagt Dietrich. „Damit können sie ohne allzu großen Aufwand und Investitionen sofort loslegen.“
Blick nach vorn – wie VR Leben retten kann
Was heute gerade in den Markt kommt, könnte morgen Standard werden. Wenn digitale Trainingsprogramme wie „VRescue“ von Immerzed den Einstieg in den Rettungsberuf erleichtern und das Lernen realistischer machen, ließe sich eine Lücke schließen, die längst existiert: der Mangel an praktischen Übungsmöglichkeiten in der Ausbildung.
In einer Zukunft, in der jedes Rettungsteam den Ernstfall schon mehrfach virtuell erlebt hat, könnten Reaktionszeiten sinken, Fehlerquoten abnehmen – und letztlich Leben gerettet werden.
„Wir wollen nicht nur Technik entwickeln“, fasst Meinke zusammen. „Wir wollen Menschen befähigen, in den entscheidenden Sekunden das Richtige zu tun. Mit jeder Übung, die jemand bei uns absolviert, wird die reale Welt ein kleines Stück sicherer.“







