Es war einmal … der Ochsenmarkt
Vor fünf Jahren hat eine Wedeler Tradition gestoppt - Wedel-Klartext veranstaltet Umfrage: Vermissen Sie den Ochsenmarkt?
11. April 2026
Jörg Frenzel

Ochsenmarkt 2012 038
Ein traditioneller Ochsenhandel mit Vertrag per Handschlag - des temps perdu...
Rund 500 Jahre lang war er DAS Highlight des Jahres in Wedel. Tausende von Menschen und in besten Zeiten Zehntausende von Rindviechern kamen jeweils im April in die Stadt, wenn der Ochsenmarkt ausgerichtet wurde. Denn in Wedel wurden die über den Ochsenweg angetrabten Tiere gehandelt, bevor sie über die Elbe nach Süden verschifft wurden. Den 30-jährigen Krieg, den Ersten und den Zweiten Weltkrieg überlebte der Markt mit Wandlungen – doch die Wirrungen jüngerer Zeiten nicht.
Stadtarchivarin Anke Rannegger schrieb seinerzeit dazu: „Während der COVID-19-Pandemie in den Jahren 2020 und 2021 konnte der Ochsenmarkt nicht stattfinden. Im März 2022 hat der Verein Wedel-Marketing, dem die Durchführung von Veranstaltungen in Wedel übertragen war, die Durchführung des Ochsenmarktes bis auf Weiteres abgesagt.“ Anke Ranegger hat übrigens die bewegte Geschichte der Veranstaltung ausführlich beschrieben.
Immer weniger Viehhändler, immer mehr Auflagen
Für das Aus wurden mehrere Gründe angeführt: Die Durchführung der Veranstaltung war teuer – weil immer weniger Viehhändler kamen, um den Handel tradtionell per Handschlag abzuwickeln, zahlte die Stadt sogar Auftriebsprämien. Doch selbst das fruchtete immer weniger. Außerdem stiegen die Anforderungen der Veterinär-Behörden. Reichte es einst aus, die Rinder per Strick an einem Zaun anzubinden, wurden im Laufe der Zeit Gatter-Konstruktionen verlangt, die stets auf- und abgebaut werden mussten. Tierseuchen und notwendige Vorkehrungen dagegen taten ein übriges.
So kam Wedel-Marketing-Vorstandsmitglied Marc Cybulski 2022 zur Einschätzung: „Warum sollen wir so viel Man- und Womenpower investieren, wenn das zentrale Element fehlt?“ Aber er sagte im Wedel-Schulauer Tageblatt zu: „Wir wollen Wedel-Elemente bei allen zukünftigen Veranstaltungen berücksichtigen.“ Die nächste Chance zu erkunden, inwieweit „Wedel-Elemente“ auftauchen, werden die Gäste beim geplanten „Fantasy- und Mittelalterfest“ am ersten Mai-Wochenende haben.
Marketing-Chef: „Umsetzung war schlimm“
Und inwieweit es dann Anklänge oder Reminiszenzen an den Ochsenmarkt gibt, hat Wedel-Klartext bei Wedel-Marketing angefragt. Der Verein hat an den Fest-Organisator weiterverwiesen. Markus Emerich vom „Schlangenschrein“ erläuterte: „Einen Fußabdruck an vergangene Zeiten wie Ochsenmarkt oder geschichtlich mit Wedel haben wir nicht.“
- Beim Ochsenmarkt kamen Kinder den Tieren ganz nah. Fotos: Frenzel
- Praxistest: Einige Tiere durften sogar gefüttert werden.
- Händler erzählten den Kindern gern über die Geschichte des Marktes.
- Für die Kleinsten sind natürlich die Kaninchen am spannendsten.
- Brauchtumspflege: Die ehemalige Stadtpräsidentin Sabine Lüchau ging selbstverständlich auf Tuchfühlung.
- Praktischer Unterricht: Imker erläuterten, wie der Honig von den Bienen verarbeitet wird.
- Uraltes Ritual: Viehhändler Knud Voss (links) will noch nicht einschlagen – der Preis von Otto Schlichting ist ihm noch zu hoch.
- Angepackt: Wedels ehemaliger Bürgermeister Niels Schmidt half mit, das Fleisch zu portionieren.
Daniel Frigoni, Vorsitzender von Wedel-Marketing, der sich mit der von ihm gegründeten Agentur „Kosmos Karoline“ sogar professionell mit Events beschäftigt, hatte seinerzeit laut Tageblatt analysiert: „Der Ochsenmarkt war Tradition. Eine neue Veranstaltung so ins Rollen zu bringen, wird schwierig. Aber die Umsetzung war zuletzt schlimm. Auch von den Akteuren. Daher war es der richtige Schritt.“
Pro-Argument: Heimat- und Tierkunde für Kinder
Der Ochsenmarkt war aber nicht nur ein Alleinstellungsmerkmal in Sachen Veranstaltungen Wedels in weitem Umkreis, er war auch Vergnügen und Infotainment für Kinder in Sachen Heimatkunde und Tierwelt. Schulklassen gingen dort auf informative Schnitzeljagd, Kita-Gruppen bestaunten und streichelten Rindviecher, Pferde und Kaninchen. Natur und Geschichte der Stadt wurden dem Nachwuchs näher gebracht. Dabei halfen unter anderem auch die Jägerinnen und Jäger des Hegerings V, die mit Tierpräparaten zeigten, was in der Stadt und drumherum so kreucht und fleucht. Auch die Kaninchenzüchter waren dabei, damit die Kids nicht nur mit Schoko-Hasen, sondern auch mit leibhaftigen Tiere in Kontakt kommen – alles vorbei.
Neue Zeiten mit Mittelalter
Fest-Organisator Markus Emerich hat sich kräftig engagiert – und muss dabei auf finanzielle öffentliche Unterstützung verzichten, da das Ereignis keine „Prämium-Veranstaltung“ mehr ist, die diverse Leistungen der Stadt beinhalten würde. Er hat Wedels „nicht unbedeutende Mittelalter-Szene“ (Emerich) begeistern können, sodass ein „ausgewachsenes Mittelalterfest“ ansteht mit Sackpfeifen und Trommel von Aetas Arcana, die auch schon beim Mittelalterlichen Handelskontor am Rathausplatz auftraten. Dazu gibt’s Zauberer Sascha und Live-Rollenspiel von the Quest Hamburg, bei dem Besucher interagieren können. Die klassischen Elemente wie Bogenschießen, Axtwerfen und Lagerleben sind ebenfalls vertreten. Emerich wirbt: „Reichlich Essen und Trinken ist vorhanden, und es kann auch das eine oder andere eingekauft werden. Einen kleinen klassischen Kunsthandwerkermarkt haben wir mit an das Fest gekoppelt. Es gibt auf dem Fest viel zum Entdecken und zum Mitmachen – gerade für Kinder wie Märchenstunde und Walking Acts.“ Eintritt für Erwachsene: vier Euro.
Wedel-Klartext möchte von den Wedelerinnen und Wedelern und natürlich auch von allen aus der Nachbarschaft wissen: Vermissen Sie den Ochsenmarkt? Wir starten eine kleine Umfrage, an der Sie ganz einfach per Mausklick teilnehmen können.
Und falls Sie den Markt wiederhaben und die Jahrhunderte alte Tradition in neuem Gewand fortgesetzt haben möchten, schreiben Sie gern Ihre Ideen an redaktion@wedel-klartext.de. Denn auf der Stadtseite steht ja: „bis auf Weiteres abgesagt“ – vielleicht gibt’s ein Comeback.

So wird es wohl nie wieder werden: Der Ochsenmarkt in den 1930er-Jahren. Foto: Stadtarchiv: Adolf Grote















