Als Tanken noch eine Freude war

Ex-Tankstellenpächter Reinhard Prange erzählt von angenehmeren Zeiten für Automobilisten.

Published8. August 2026

AuthorJörg Frenzel

Mann mit Stadplan

Prange Reinhard Tankstelle (1)

Auf einem Stadtplan hat Reinhard Prange die ehemaligen und aktuellen Standorte der Tankstellen in Wedel markiert.

Reinhard Prange hat Benzin im Blut, denn das ist in seiner Familie erblich. Sein Vater Karl-Erich eröffnete im Juli 1952 am Wedeler Rosengarten eine der ersten Tankstellen. Und er selbst führte die ARAL an der Rissener Straße von 1973 bis 2019. Sein Sohn Marvin übernahm sie, bis er sich 2025 ganz auf die Autowerkstatt „Kfz-Fullservice“ konzentrierte. Derzeit gibt es nur drei Kraftstoff-Versorgungsstationen in der Stadt – im Laufe der Jahre waren es weit mehr als 20 gewesen. Reinhard Prange hat sich mal die Mühe gemacht, sie alle aufzulisten – und teilt Erinnerungen an eine Zeit, in der Tanken noch eine Freude war.

„Mein Vater begann mit nur einer Säule für Benzin. 58 Pfennig pro Liter“, berichtet der Tankstellen-Pächter i.R., „Preisänderungen gab es nur alle halbe Jahr, wenn überhaupt. Die Zahlen musste man von Hand anschrauben.“ 58 Pfenning – grob umgerechnet 27 Cent der Liter! Wundert es da jemanden, dass bei aktuellen Tarifen von weit über zwei Euro Nostalgie aufkommt?

In den 60er-Jahren waren die PVG-Busse bei der ARAL zuverlässige Kundschaft. Foto: pr

Ab 1953 wurde bei der Aral auch Diesel verkauft. In den 60er-Jahren zog die Tankstelle an den derzeitigen Standort und Diesel blieb wichtig. „Bei uns tankten immer die Busse der Pinneberger Verkehrsgesellschaft. Sie kamen vom Voßhagen herunter. Wenn sie dort an der Ampel der Rissener Straße hupten, wussten wir Bescheid, dass wir die Befüllung  vorbereiten mussten“, so Reinhard Prange, „oftmals nahmen sie nur 20 Liter, weil der Tankstopp im laufenden Betrieb erfolgte und der Fahrplan eingehalten werden musste.“

Ähnliche Döntjes passierten sicherlich auch bei den vielen Kollegen, die im Laufe der Jahrzehnte in Wedel Sprit ausschenkten. Bei der ESSO am Autal beispielsweise musste der Pächter in den 70er-Jahren ins Gefängnis einrücken, weil er einen Räuber erschoss, der ihn zuvor um die Tageseinnahmen erleichtert hatte, weiß Prange zu berichten. Eine weitere ESSO gab es bei Opel-Ketel. Auch andere Autohäuser hatten gleich eine Tankstelle angeschlossen. VW Biesterfeldt verkaufte ARAL, Ford-Fricke FINA, Mercedes-Grüning SHELL. Und sie alle nervte, dass seinerzeit der AEG-Konzern eine eigene Station besaß. „Die Mitarbeiter bekamen einen fetten Rabatt von bis zu fünf Pfenning. Das war allen ein Dorn im Auge“, so Reinhard Prange.

Wohl jenen, die solvente Stammkundschaft besaßen. Wie Lisa und Herbert Schmidt mit ihrer „Gasolin-Großtankstelle“, zuvor NITAG, später ARAL an der Rissener Straße neben dem Lokal „Gröner Born“. Sie zählten nämlich das Werbefilm-Studio Marken-Film zu ihren regelmäßigen Abnehmern – und hatten dadurch auch ganz besondere Besucher. Pächter-Spross Niels Schmidt wuchs im Schatten der Tanksäulen auf, bevor er sich als Teenager aus dem Mineralöl-Geschäft zurückzog, um eine Verwaltungs-Karriere zu beginnen, die im Amt des Bürgermeisters gipfelte. „Die Autos von Rudi Carrell und Uwe Seeler wurden bei uns gewaschen – von Hand!“, erzählt Niels Schmidt, „und der Showmaster und die Fußball-Stürmerlegende drehten währenddessen Werbefilme.“

Prominent war beziehungsweise wurde auch jemand aus der Belegschaft der Schmidtschen-Kraftstoff-Station. Uwe Carstens absolvierte dort eine Ausbildung zum Tankwart, entschloss sich aber in den 70er-Jahren, ins Hamburger Rotlicht-Milieu zu wechseln, wo er als „Dakota-Uwe“ an der Seite von Wilfried Schulz, dem damaligen „König von St. Pauli“, die „Puppen tanzen“ und arbeiten ließ. Vielen Frauen hätte Schlimmes erspart werden können, wenn er seinem Lehrberuf treu geblieben wäre…

Die Vier von der Jet-Tankstelle in den 80er-Jahren: Jens (von links), Marlies, Dieter und Kerstin Sahling. Foto: pr

Das Preiserhöhungs-Ärgernis  für Autofahrer gab es damals auch schon. Aber im Vergleich zur aktuellen Schröpfung durch Mineralöl-Konzerne und diverse Staatsabgaben, waren die Sprünge nachgerade lächerlich. „Als in den 70er-Jahren wegen der Ölkrise Sonntagsfahrverbote verhängt wurden, dachten die Leute, die Welt geht unter. Und bei angekündigten Preiserhöhungen um einen Pfennig je Liter, gerieten sie in Panik und kamen mit Kanistern zur Tankstelle“, so Reinhard Prange. Das wirkt geradezu lächerlich angesichts der Preissprünge von 20 Cent täglich, die heutzutage keine Seltenheit sind.

Ein schwarzer Opel mit zwei Menschen in der Tür zwischen Zapfsäulen und Verkaufsstelle.

An der BP-Tankstelle an der Ecke Pulverstraße/Galgenberg hatten Ilse und Gerd-J. Henke über Jahrzehnte die Regie. Foto: Familie Henke

Doch nicht nur die mobile Kundschaft hatte es damals besser, sondern auch die Tankstellen-Pächter. Sie waren damals noch freiere Unternehmer, konnten die Preise von Bonbons, Getränken und den anderen Versorgungsgütern aus dem Kassen-/Verkaufsraum eigenständig kalkulieren. Heutzutage hingegen gibt es da von den Konzernen strenge Vorgaben bis hin zur Gestaltung der Verkaufsräume. Reinhard Prange: „Und am Kraftstoff-Preis verdienen die Pächter so gut wie gar nicht mehr – egal, in welch schwindelerregende  Höhen er auch klettern mag.“

 

 

 

 

 

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