Förderverein von Kammerchor und Kammerorchester löst sich auf
Personalnot im Vorstand, schwindende Sängerzahlen - im nächsten Jahr ist Schluss.
9. Juni 2026
Jörg Frenzel

Kammerorchester Katrrin Würtemberger
Ein Bild, was man nicht mehr lange sehen wird: Wedels Kammerchor und Kammerorchester unter der Leitung von Valeri Krivoborodov. Foto: Katrin Würtemberger
Und wieder stirbt ein Stück Kultur in Wedel. Auf seiner Mitgliederversammlung beschloss der Förderverein Kammerchor und Kammerorchester Wedel e.V. seine Selbstauflösung. 36 Mitglieder waren anwesemd, in geheimer Abstimmung votierten 31 für und fünf gegen das Ende. Bis die Selbstauflösung in einem Jahr wirksam sein wird, sollen aber noch zwei Mal schöne Töne erklingen.
Die Gründe für diese Zäsur in der Wedeler Kulturszene sind traurig: Zeitgeist, Schicksalsschläge und Geldmangel. So gibt es immer weniger gesanglichen Nachwuchs für diese Art der Musik – eine Entwicklung, die auch schon den Spitzerdorf-Schulauer Männergesangverein nach über 100 Jahren zum Verstummen brachte. „Wir haben kaum jüngere Sängerinnen und Sänger als 70, 75. Der Chor schrumpft“, sagt Monika Thöm, die für die Bewerbung der Veranstaltungen und die Öffentlichkeitsarbeit zuständig ist.
Geänderter Musikgeschmack
Zwar gibt es immer noch Menschen, die gern singen – und zwar nicht nur unter der Dusche. Gerade wurde in der Stadt ein „ Weltmusikchor“ gegründet. Doch offensichtlich ist das fulminante Repertoire der großen klassischen Komponisten nicht mehr so in der Breite der Gesellschaft verankert und gefragt.
Um sich diesem Trend entgegenzustemmen und auch für Bach und Haydn, für Mozart und Brahms Stimmen und Publikum zu gewinnen, sind erhebliche Anstrengungen und Aufwand notwendig. Das kostet Kraft der Akteure. Durch Schicksalsschläge, genauer: schwere Krankheiten, waren einige Vorstandsmitglieder ausgefallen. Es gelang nicht, sie zu ersetzen – was wiederum die verbliebenen Akteure noch stärker belastete. Und auch wenn mit Valeri Krivoborodov, bis zu seiner Pensionierung im Sommer 2012 erster Solo-Cellist der Hamburger Symphoniker, im Jahr 2003 ein hochkrätiger Musiker die Leitung des Chors übernahm, lässt sich das Aus jetzt nicht verhindern.
Außerdem sind auch die Finanzen ein Grund. Geringere Fördermittel, weniger Vereinsmitglieder, weniger Sponsoren – das setzt dem Etat zu. Überdies standen Konzerteinnahmen von 13.000 Euro Honorare in Höhe von 27.000 Euro gegenüber. Bei einem Eintrittsgeld von 20 Euro pro Besucher entsteht so trotzdem noch ein Defizit von 30 Euro für jeden Gast. Wolfgang Meyer-Lomberg, Dr. Helmut Thöm und Ulfert Bier wurden zu Liquidatoren bestimmt. So wird jetzt ein Schlusstrich gezogen unter die Geschichte, die im Jahr 2004 begann. Der Förderverein: „Alle Chormitglieder und Musiker bedanken sich bei ihren Zuhörern für ihre Treue sowie bei der Stadt Wedel und den Sponsoren für deren jahrelange Unterstützung.“
Es begann mit Heinz Kegel
Damals in 2004 musste nach dem Tod des schon legendären Kantors der Rolandkirche, Heinz Kegel, eine Lösung zum Fortbestand des Kammerchors gefunden werden. Seit Ende der 60er-Jahre hatte Kegel große klassische Kultur mit Musikerinnen und Musikern organisiert, bei Übungsabenden erarbeitet und vor ein Publikum gebracht, das für ihn persönlich ebenso brannte wie für die Musik. Das Weihnachtsoratorium von Bach beispielsweise gehörte über Jahrzehnte fest in den Terminkalender nicht nur bildungsbürgerlicher Familien. Das „Jauchzet, frohlocket…“ wird aber in dieser Form wohl nur noch ein Mal erklingen: Am 2. Adventssonntag, 6. Dezember, ab 17 Uhr in der katholischen St. Marien-Kirche.
Am 19. Juni im kommenden Juni will sich der Kammerchor mit Haydns „Missa in tempore belli“, landläufig „Paukenmesse“ genannt sowie mit seiner 45. Sinfonie vom treuen Publikum verabschieden, es ist Haydns Werk, das man die „Abschiedssinfonie“ nennt…







