Zwischen Leinen und Vertrauen: Warum Kutschenfahren mehr ist als ein Hobby

In Wedel und Umgebung lebt eine besondere Pferdetradition: Drei Frauen aus der Region verbindet die Leidenschaft für das Kutschenfahren – eine Disziplin zwischen Präzision, Vertrauen und Verantwortung.

Published11. Juli 2026

AuthorWolf-Robert Danehl

Zwei Frauen sitzen auf dem Kutschbock und lenken einen Einspänner mit einem braunen Pferd, einer 13-jährigen Brandenburger Stute. an der Kamera vorbei.

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Ute Ramcke (v.links) und Anja Behrmann sind zwei sehr erfahrene und erfolgreiche Fahrerinnen und Beifahrerinnen. (Fotos: Danehl)

Ein früher Morgen im Jahr 1875: Nebel liegt über den Wiesen am Rand von Wedel, als das Schnauben eines Pferdes die Stille durchbricht. Vor der kleinen Postexpedition wird ein Karriol angespannt – eine schlichte, zweirädrige Kutsche, beladen mit Briefsäcken und Zeitungen. Der Kutscher nimmt die Zügel an, ein kurzer Zuruf, dann setzt sich das Gespann in Bewegung, Richtung Blankenese.

Wenig später folgt ein zweiter Wagen: ein verdeckter, viersitziger Omnibus. Kein Prunk, kein Zierrat – nur ein praktisches Verkehrsmittel für Menschen, die zur Arbeit müssen, Verwandte besuchen oder Waren begleiten. Einmal am Tag fährt er diese Strecke, die längst über den Ochsenweg an größere Verkehrsströme angeschlossen ist.

Kutschen sind hier kein Luxus. Sie sind Alltag. Verbindung. Verlässlichkeit.

Kutschenfahren eine Tradition mit Leidenschaft

Mehr als 150 Jahre später hat sich vieles verändert – doch eines ist geblieben: die besondere Beziehung zwischen Mensch, Pferd und Wagen. In  der Region lebt diese Tradition weiter, nicht als bloße Erinnerung, sondern als gelebte Praxis.

Die 17-jährige Elisabeth Kirchner übt mit der besonders geländegängigen Marathonkutsche.

Die 17-jährige Elisabeth Kirchner übt mit der besonders geländegängigen Marathonkutsche.

Es beginnt mit Bewegung – und mit einem Einschnitt. Birgit Dwenger-Elbeshausen war immer aktiv, lief Marathon, saß im Sattel, arbeitet im sozialen Bereich und leitet die AWO-Kindertagesstätte „Zwergenvilla“. Doch Hüftprobleme zwangen sie, umzudenken.

Barbara Dwenger-Elbeshausen ist glücklich darüber, dass Sie durch das Kuschefahren weiter mit Pferden arbeiten kann.

Barbara Dwenger-Elbeshausen ist glücklich darüber, dass Sie durch das Kuschefahren weiter mit Pferden arbeiten kann.

In der Region fand sie eine neue Leidenschaft das Kutschenfahren. Die ruhige, konzentrierte Zusammenarbeit mit dem Pferd wurde zur Alternative. Heute fährt sie einen Einspänner mit ihrer 13-jährigen Brandenburger Stute Mara – ein eingespieltes Team.

Die Kunst, ein Fahrpferd auszubilden

Hinter der scheinbaren Leichtigkeit steckt monatelange Vorbereitung. Pferde werden systematisch an das Fahren herangeführt: über Vertrauenstraining mit ungewohnten Geräuschen, die Arbeit an der Doppellonge, erste Zugübungen und schließlich das behutsame Anspannen vor die Kutsche – stets abgesichert und kontrolliert.

Bevor es überhaupt in den öffentlichen Straßenverkehr geht, ist eine fundierte Ausbildung unerlässlich – nicht nur aus praktischen, sondern auch aus rechtlichen Gründen.

Zwischen Freiheit und Verantwortung: der „Kutschenführerschein

Rein rechtlich gibt es in Deutschland keine klassische Führerscheinpflicht für Kutschenfahrer. Die Straßenverkehrsordnung verlangt kein behördliches Dokument, um ein Pferdegespann zu lenken. In der Praxis sieht es jedoch anders aus.

Der entscheidende Punkt ist die Versicherung: Wer ohne nachgewiesene Qualifikation einen Unfall verursacht, riskiert, dass Versicherungen Leistungen verweigern. Schnell kann der Vorwurf grober Fahrlässigkeit im Raum stehen – mit erheblichen finanziellen Folgen.

Strenger geregelt sind gewerbliche Fahrten, etwa bei Hochzeiten oder touristischen Angeboten. Hier verlangen Behörden einen Sachkundenachweis, etwa den „Kutschenführerschein B Gewerbe“. Auch im Sport und bei öffentlichen Veranstaltungen ist ein entsprechender Nachweis faktisch Pflicht.

Die Ausbildung erfolgt meist in kompakten Kursen über mehrere Wochen oder als Intensivlehrgang.

Im theoretischen Unterricht und in der Prüfung üben die Prüflinge schon unter anderem einmal an Übungsgeräten, wie sie die Zügel (Leinen) halten sollen.

Im theoretischen Unterricht und in der Prüfung üben die Prüflinge schon unter anderem einmal an Übungsgeräten, wie sie die Zügel (Leinen) halten sollen. (Foto: Behrmann)

Theorie und Praxis greifen dabei eng ineinander, abgeschlossen durch eine Prüfung. Die Kosten liegen in der Regel zwischen 400 und 800 Euro.

Lernen und vernetzen in der Region Wedel

Rund um Wedel finden Einsteiger und Fortgeschrittene gute Bedingungen. Nördlich der Stadt, in Langeln, gilt die Fahrsport-Ausbildung von Susan Gollmer als eine der bekanntesten Adressen der Region. Dort werden Vorbereitungskurse für die Kutschenführerscheine A und B sowie Fahrabzeichen angeboten – auf Wunsch sogar mobil direkt am eigenen Stall. Ebenfalls gut erreichbar ist der Hof Rauchschwalbe in Horst/Holstein, der strukturierte Lehrgänge mit FN-Prüfungen und moderne Trainingsbedingungen bietet.

Vor Ort bilden vor allem Vereine das Rückgrat der Szene. Der Reit- und Fahrverein Wedel von 1923 mit Sitz am Catharinenhof bietet hervorragende Trainingsmöglichkeiten in direkter Nähe zu Klövensteen und Holmer Sandbergen. Der Reit- und Fahrverein Fohlenhof in Appen-Etz, unter Leitung von Anja Behrmann, ist eine zentrale Adresse für den Fahrsport im Kreis Pinneberg und richtet regelmäßig Turniere aus. Ergänzt wird das Netzwerk durch den Reit- und Fahrverein Pinneberg, der ebenfalls eng mit der regionalen Szene verbunden ist.

Welche Pferde sich eignen

Grundsätzlich zählt weniger die Rasse als der Charakter. Dennoch zeigen sich auch rund um Wedel typische Favoriten: kräftige Warmblüter und ruhige Kaltblüter, vielseitige Haflinger und Fjordpferde sowie Ponys für den Nachwuchs. Im Turniersport kommen zudem elegante Spezialrassen zum Einsatz.

Mara die 13-jährige Brandenburger Stute ist ein erfahrenes Kutschenpferd.

Mara die 13-jährige Brandenburger Stute ist ein erfahrenes Kutschenpferd.

Entscheidend bleibt jedoch immer das Wesen des Pferdes: Gelassenheit, Verkehrssicherheit und Vertrauen in die Stimme des Fahrers sind unverzichtbar.

Technik und Tradition im Geschirr

Auch das Geschirr folgt klaren Prinzipien. Während im Freizeitbereich meist das leichtere Brustblattgeschirr verwendet wird, kommt bei schweren Lasten das passgenaue Kummetgeschirr zum Einsatz.

Die Technik dahinter ist präzise: Über Zugstränge wird die Kraft übertragen, das Selet stabilisiert das Geschirr auf dem Rücken, und das Hintergeschirr ermöglicht kontrolliertes Bremsen. Gesteuert wird über die Fahrleine – mit erstaunlicher Feinheit, selbst bei mehrspännigen Gespannen.

Drei Frauen, eine Region, eine Leidenschaft

In der Region im Kreis Pinneberg ist der Fahrsport fest verankert – auch durch Menschen wie Birgit Dwenger-Elbeshausen und Anja Behrmann, die als Richterin, Trainerin und Vorsitzende des Reit- und Fahrvereins Fohlenhof e.V. zentrale Veranstaltungen wie die Kreismeisterschaften im Gespannfahren organisiert und immer wieder im Unterricht ihre Kenntnisse vermittelt und junge Menschen für den Sport begeistert.

„Kutschenfahren ist die Königsdiziplin“, sagt sie. Entscheidend sei die Harmonie zwischen Mensch und Pferd.

Ute Ramcke zum Beispiel steht für diese Harmonie. Die erfolgreiche Turnierfahrerin aus Waldenau/Datum wurde Kreismeisterin der Zweispänner und ist eng mit der regionalen Pferdeszene rund um Wedel verbunden.

Gemeinsam mit Hans-Johann Ramcke betrieb sie lange den Lindenhof – eine traditionsreiche Anlage, die Sport und den Umgang mit dem Pferd verbindet, die heute durch die nächste Generation Katharina (geb. Ramcke) und Florian Jaster geführt wird.

Verantwortung auf dem Bock

Kutschenfahren verlangt nicht nur Können, sondern auch Umsicht. „Allein zu fahren gilt als riskant, ein Beifahrer gehört zur Grundvoraussetzung“, erläutert Ute Ramcke.

Die Anforderungen unterscheiden sich deutlich vom Reiten: Statt Gewichts- und Schenkelhilfen zählen Stimme, Leinengefühl und vorausschauendes Handeln.

Auch die Ausrüstung ist entscheidend – vom Helm über Handschuhe bis hin zu Schutzweste und festem Schuhwerk. Denn ein Sturz von der Kutsche kann schwerwiegender sein als ein Reitunfall.

Und doch ist es genau diese Mischung aus Verantwortung, Präzision und Vertrauen, die den Reiz ausmacht: Wenn Pferd und Mensch im Gleichklang arbeiten, wenn jede Bewegung sitzt und die Kutsche ruhig über die Wege rollt, entsteht ein Moment, der weit über Sport hinausgeht – eine stille, kraftvolle Verbindung, die diese Disziplin bis heute so faszinierend macht.

 

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