Dass Martine Postma einen Hochschulabschluss in russischer Literatur hat, ist für ihre internationale Bedeutung eher nicht von Belang. Eine andere „Weltsprache“ ist es, die die niederländische Journalistin rund um den Globus bekannt gemacht hat – und sie wird von immer mehr Menschen verstanden: Nachhaltigkeit. Postma ist eine der „Vorsprecherinnen“: Sie gründete 2019 in Amsterdam das erste Repair Café und löste damit einen Boom aus. Mittlerweile gibt es weltweit rund 3000 Initiativen, bei denen kostenlos kaputte Alltagsgegenstände repariert werden. Auch in Wedel legen seit 2019 Ehrenamtliche Hand an, um schwächelnde Toaster, Radios, Fahrräder & Co. wieder fit zu machen. Ihr Leitspruch: „Wegwerfen? Denkste!“

„Wir bringen so nicht nur Geräte wieder in Ordnung – wir vermeiden auch Müll und unterstützen die Schonung von Ressourcen“, sagt Michael Thies. Er ist nicht nur stellvertretender Vorsitzender des Kirchenvorstands, sondern auch Mitgründer und Sprecher des Wedeler Repair Cafés. Gemeinsam mit rund 25 weiteren Aktiven lädt er für den kommenden Sonnabend wieder in das Gemeindezentrum der Schulauer Christuskirche (Feldstraße 32-36) ein. Von 14 bis 17 Uhr werden dort schon zum 28. Mal bei Kaffee und Kuchen Elektrokleingeräte, Computer, Kleidung und auch Spielzeug repariert – jeweils mit den Besitzern gemeinsam. Denn, so Thies: „Es ist Hilfe zur Selbsthilfe.“

Die Erfolgsquote liegt bei mehr als 70 Prozent

Und es ist eine echte Erfolgsgeschichte. Pro Termin kommen um die 60 Hilfesuchende. Die Erfolgsquote liegt laut Thies bei mehr als 70 Prozent. Dafür stehen Helferinnen und Helfer bereit, die sich gemeinsam mit den Gästen an das Innenleben der Geräte machen. Elektriker sind dabei, Ingenieure, Techniker, IT-Experten – „aber auch viele Autodidakten, die sich die Kenntnisse selbst erarbeitet haben“, sagt der Repair-Sprecher.

Manchmal geht die Reparatur ganz schnell vonstatten. „Da ist dann nur ein Kontakt lose, eine Schraube locker – oder jemand hat einfach den Sendersuchlauf seines Radios nicht verstanden“, schmunzelt Thies. Doch bisweilen ist auch mehr Aufwand erforderlich. Das kostet dann Zeit – und daher bittet der 64-Jährige denn auch immer wieder um etwas Geduld. Eine Garantie oder Gewährleistung gibt es ohnehin nicht. „Alles bleibt freiwillig – es entsteht keine Vereinbarung im juristischen Sinn“, sagt Thies, der sein Team auch nicht als Konkurrenz zu Reparaturbetrieben verstanden wissen will.

„Fordern wir unser Recht auf Reparatur zurück“

Dass der Bedarf wächst, ist für den studierten Elektrotechniker klar. Er stellt in der Industrie eine zunehmende Tendenz fest, Geräte mit Sollbruchstellen zu versehen – um den Kauf neuer Ware anzukurbeln. „Das versetzt immer mehr Leute in Rage, auch aus ökologischen Gründen“, sagt er. Außerdem ärgert ihn die „Entmündigung“ der Kunden, da sich nach seiner Erfahrung immer weniger Produkte aufschrauben und reparieren ließen. Im „Repair-Manifesto“, einem „kulturellen und ökologischen Gegenentwurf zur Wegwerfgesellschaft“, heiße es daher auch: „Fordern wir unser Recht auf Reparatur zurück!“ Denn, so Thies: „Eine Sache, die du nicht reparieren kannst, gehört dir nicht.“ Vom gerade von der EU beschlossenen, gleichnamigen Recht auf Reparatur hält er eher wenig. Zum einen seien zu wenige Produktgruppen betroffen, zum anderen würden sich die Firmen die Arbeit stattlich bezahlen lassen, moniert Thies. 

Und so werden sie dann am Sonnabend im Gemeindezentrum der Christuskirche wieder ehrenamtlich und ohne Kosten versuchen, so viele Geräte wie möglich zu reparieren. Ausgeschlossen sind Handys, Drucker, Bildschirme und Großgeräte. Ersatzteile sind kostenpflichtig, es wird nichts verkauft – aber Spenden sind willkommen. Und jeder Hilfesuchende sei willkommen, betont Thies das einladende Repair-Motto: „Was ist denn bei dir kaputt?“